„Froh, auf Siegerseite zu leben“

Offenbach - Die Bilder, die uns am Dienstag aus Athen erreichten, rufen Unwohlsein hervor. So viel Wut, so viel offen zur Schau gestellter Hass. Offenbach hat mit 3887 Griechen, die zum Jahresende dort lebten, die größte Griechen-Dichte Deutschlands. Von J.Bieniek und D.Schmitt

Die meisten Einwanderer verließen ihre Heimat zwischen 2009 und 2011, schon damals drohte die Staatspleite. Vor vier Jahren zählten die Behörden 226 Zuzüge griechischer Einwanderer, 2011 waren es schon 684. Im ersten Halbjahr 2012 zog es 387 Hellenen in die Lederstadt. Wie reagieren die Offenbacher Griechen auf die Proteste in ihrer Heimat? Wir haben nachgefragt.

Merkel in Athen - Gewaltsame Proteste

Merkel in Athen - Gewaltsame Proteste

Dr. Konstantin Manolopoulos (41), Facharzt für Gynäkologie im Kinderwunschzentrum:

„Ich war wegen eines Kongresses vergangene Woche selbst in Athen und habe auch Verwandte besucht. Grundsätzlich ist die Stimmung der Menschen gegenüber den Deutschen positiv. Die Krawallmacher sind eher eine Randgruppe, zu vergleichen mit den Rechtsextremisten, die vor 20 Jahren in Rostock ein Asylbewerberheim in Brand gesteckt haben. Natürlich geht es vielen Griechen in diesen Tagen nicht gut. Auch mein Cousin, der im öffentlichen Dienst arbeitet, musste Einschnitte von 30 Prozent hinnehmen. Aber er versucht, sich nicht ständig zu beklagen. Er verzichtet aufs Ausgehen, fährt statt zehn Tage nur noch fünf in Urlaub und nutzt sein Auto seltener. Griechenland ist auf dem richtigen Weg, weil die meisten Menschen bereit sind, den Weg der Regierung mitzugehen. In Deutschland sind wir Griechen zum Glück voll integriert, deshalb werde ich nicht oft darauf angesprochen. Wir sind westlich orientiert und tüchtig. Wir passen uns der Gesellschaft an.“

Christos Michailidis (50), Vorsitzender der Griechischen Gemeinde in Offenbach:

„Die extremen Proteste und Auseinandersetzungen gefallen mir gar nicht. Diesen übertriebenen Hass verstehe ich nicht, auch wenn die Situation natürlich schwierig ist. Unsere Gemeinde zählt 370 Mitglieder. Wir reden ab und an über die Probleme in unserer Heimat und haben Mitleid mit den Menschen. Gleichzeitig ist es aber auch in Offenbach nicht immer einfach. Viele unserer Mitglieder sind arbeitslos. Ihnen fehlt es oft an der richtigen Ausbildung. Auch hier gibt es Probleme für Griechen, die wir gemeinsam zu lösen versuchen.“

Styljanos Konstantinidis (50), Besitzer eines Feinkosthandels in Mühlheim:

„Es ist nicht gut, was im Moment in Griechenland passiert. Natürlich haben es die Griechen schwer, der Hass gegenüber Deutschland hilft aber niemandem weiter. Bestes Beispiel ist mein Cousin. Er war als Lehrer an einer Universität angestellt, hat ein Haus für Frau und Kinder gebaut. Mit seinem Lohn von 1 290 Euro im Monat wollte er den Kredit abbezahlen. Wegen der Sparmaßnahmen wurde er 300 Kilometer versetzt, bekommt jetzt nur noch 645 Euro und weiß nicht, wie er den Kredit bezahlen soll. Das ist einfach nicht korrekt. Daran sind aber nicht die Deutschen schuld, sondern die griechische Regierung. Sie ist mit der Situation überfordert.“

Alexandros Bouras (24), Chorleiter des Deutsch-Griechischen Kulturforums Kinisis:

„Griechenland wird in Europa als schwarzes Schaf angesehen – ein großer Fehler der Medien. Im internationalen Wettbewerb ist es ganz normal, dass es auch Verlierer gibt. In diesem Fall hat es Griechenland erwischt, weil es schlecht gewirtschaftet hat. Es hätte aber ebenso gut zuerst Spanien oder Portugal treffen können. Meine Angehörigen in Griechenland leiden stark unter der Krise. Das ist nicht schön anzusehen. Etwas zynisch formuliert: Ich bin froh, auf der Siegerseite in Deutschland zu leben.“

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