Frostige Freiheit am Main

Offenbach ‐ Dauercampen ist offenbar eine Lebenseinstellung, über die bei den Bewohnern des Platzes am Bürgeler Mainufer nicht unbedingt Mitteilungsbedarf besteht: „In der Zeitung braucht keiner von mir zu lesen“, blafft ein älterer Camper und droht: „Wenn ihr ein Foto von mir oder meinem Wohnwagen macht, hau ich euch die Kamera runter!“ Von Veronika Szeherova

Etwas freundlicher ist der Empfang seitens der Platzbetreiberin- und Gaststätteninhaberin. Im Gespräch taut Ruth Koch zunehmend auf. „Zehn bis elf dauerhafte Camper sind momentan hier“, erzählt sie. Einige davon sind Monteure, die in der Region vorübergehend beschäftigt sind und sich während dieser Zeit keine Wohnung nehmen möchten. Ein Wohnwagen ist nun mal kostengünstiger. „Seit der Wirtschaftskrise ist bei uns die Dauer-Kundschaft größer geworden“, sagt Ruth Koch, die das Lokal in der Gerhard-Becker-Straße 400 seit drei Jahren betreibt und sich ganz aktuell über ein Ausnahmewochenende in der ansonsten umsatzarmen Winterzeit freut: „Es sind eine Menge Skifahrer und Rodler gekommen, da hatten wir endlich wieder ein volles Haus.

Ihre hartgesottenen Camper bilden eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie trotzen Kälte, Glätte und Nässe, leben auch im Winter im Bau- oder Wohnwagen. Manche tun es aus Überzeugung, lieben das damit empfundene Gefühl selbst einer frostigen Freiheit. Manche haben keine andere Wahl. Die persönlichen Umstände haben sie zu diesem Leben gezwungen.

Eheleute sind zu Exoten geworden

Aber auch reguläre Angestellte namhafter Firmen verzichten mitunter auf eine feste und teurere Unterkunft. „Die meisten fahren übers Wochenende heim zu ihrer Familie“, weiß Ruth Koch.

Direkt am Main, am Rand des Campingplatzes, steht ein hölzerner Bauwagen. Seit August 2008 ist er das Zuhause von Hannelore Schmid, ihrem Mann und zwei großen Hunden. Nicht freiwillig. „Wir sind in eine bauliche Notsituation geraten...“, verrät sie. Im Bekanntenkreis sind die Eheleute schnell zu Exoten geworden, wie Hannelore Schmid erzählt: „Anfangs waren wir für alle interessant, viele haben uns schnellstmöglich auf dem Campingplatz besucht. Es gab aber auch welche, die haben über unsere Entscheidung nur den Kopf geschüttelt.“

Einen Schlaf- und einen Wohnraum haben sich Schmids im Bauwagen eingerichtet. Es ist zwar eng, aber gemütlich und vor allem mollig warm. Die Gasheizung läuft drinnen auf Hochtouren, während sich von außen wunderschöne Eiszapfen an der Dachkante bilden.

„Auf Dauer kann ich mir ein Leben hier nicht vorstellen“

Das Leben hier hat eine gewisse wilde Romantik“, behauptet Hannelore Schmid. „Manchmal fühlen wir uns wie in einem verlängerten Abenteuerurlaub.“ Sie hätten alles, was man braucht, beteuert die Langzeitcamperin. „Warmes Wasser, funktionierende Toiletten, Internetanschluss und genug Gasvorrat - ganz zu schweigen von der Natur drumherum.“

In absehbarer Zeit will das Ehepaar aber wieder eine „normale“ Wohnung beziehen. „Auf Dauer kann ich mir ein Leben hier nicht vorstellen“, so Schmid. „Aber bestimmt werden wir mit einiger Wehmut auf diese Zeit zurückblicken, die wir und vor allem unsere Hunde sehr genießen.“

Wie geht es auf dem Bürgeler Campingplatz generell im Winter zu? „Jeder räumt den Schnee vor seinem Wohnwagen nach eigenem Ermessen“, sagt Platzwartin Koch. „Da gibt es von uns keine Vorschriften.“

Rubriklistenbild: © Szeherova

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