Vor dem Frühjahrsputz

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In Privatzimmern sind Schreibtische möglich.

Offenbach ‐ Die kleine Delle im Türsturz ist ein Mangel. Die Steckdose ist, weil nicht auf Normhöhe, ein Mangel. Die Flecken an der Wand im Treppenhaus, der unsaubere Tapetenstoß, das abgeplatzte Furnier an der giftgrünen Stationstheke: Mangel, Mangel, Mangel. Von Marcus Reinsch

Man muss einen Moment stehen bleiben, um die Dinge, auf die Hans-Ulrich Schmidt mit dem Finger deutet, als unbedingt auszumerzende Fehler zu empfinden und nicht als zu vernachlässigende Kleinigkeiten.

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So sieht‘s im neuen Krankenhaus aus

Kleinigkeiten, die keine waren, haben den Geschäftsführer der städtischen Klinikum Offenbach GmbH in den vergangenen Monaten viel Schlaf und den Steuerzahler viel Geld gekostet. Millionen. Als Schmidt nach einer unbefriedigenden Sicherheitsbegehung vor gut einer Woche die erneute Verschiebung des Patienten- und Personalumzugs vom alten, chronisch maroden Zentralhochhaus in den kammförmigen Neubau hatte verkünden müssen, war das wie eine Bombe.

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Mittlerweile hat Schmidt sich mit der Situation arrangiert. „Es gibt viele kleine Details, die noch zu machen sind. Es braucht Zeit, sie abzuarbeiten“, sagt er, und es klingt entspannt. Etwas anderes käme auch nicht in Frage. Kleinigkeiten hin, Details her: Am heutigen Freitagvormittag wird der Klinik-Neubau offiziell eröffnet. Und da wird vor allem an einem kein Mangel herrschen: an Gästen.

Hessens Gesundheitsminister Jürgen Banzer ist da, um den Landeszuschuss für das mehr als 150 Millionen Euro teure Projekt zu loben. Dazu wird Hausherr Schmidt weiteren Geladenen viele der 2 800 Türen zu den Räumen aufstoßen, in denen der Medizinbetrieb eigentlich schon seit Dezember laufen sollte. Für den Nachmittag dann haben sich 1.000 Klinik-Beschäftigte samt Anhang zum Mitarbeiterfest angekündigt.

Immer der Farbe nach. Oder dem Muster. Beides wird Patienten und Besucher im neuen Klinikum an eins von 90 Zielen führen.

Schmidt nennt das ein „pre-opening“, eine Vor-Eröffnung, weil auch auf die Würdigung warmer Worte, das Klirren der Sektgläser und das Verspeisen der Häppchen nicht gleich die Inbetriebnahme folgen kann. Die ist erst gegen Pfingsten an der Reihe, vielleicht auch ein, zwei Wochen später. Neben den rein optischen Mängeln, die die Handwerkerfirmen auf eigene Kosten beseitigen müssen, gibt es Unzulänglichkeiten, mit denen eine moderne Klinik auf keinen Fall leben könnte. Die Beschichtung des später beheizbaren Hubschrauberlanderondells auf dem Dach und die Fassadendämmung an der noch eingerüsteten Cafeteria etwa sind nicht fertig. Dazu war es bis vor wenigen Tagen viel zu kalt.

Drinnen wird es am morgigen Samstag ab 13 Uhr eher mollig warm werden. Klinik-Chef Schmidt, der Ärztliche Direktor Professor Dr. Norbert Rilinger und die Öffentlichkeitarbeiterin Marion Band erwarten am „Gesundheitstag“ zwischen 5.000 und 10.000 Menschen, die das niegelnagelneue Krankenhaus einfach mal sehen wollen.

Zahlen zum neuen Klinikum:

  • Bauzeit: 40 Monate
  • Kosten: 160 Millionen Euro, 50 Millionen vom Land
  • Räume: rund 3000
  • Betten: 724
  • Patienten: rund 32.000 pro Jahr
  • Liegedauer: 7 Tage im Schnitt
  • Ärzte und Pfleger: rund 1200 Strecke
  • Rohrpostanlage: 3,3 Kilometer

Zu sehen bekommen sie im 137 Meter langen, bis 27 Meter hohen und, nach dem Bau des Veranstaltungszentrums Tommy Hall, gut 83 Meter tiefen Kamm-Komplex die Attribute, die die Offenbacher Klinik zu einer der modernsten der Republik machen. Das Kiosk im Foyer könnte stilistisch mit einem Duty-Free-Shop am Flughafen konkurrieren. Transportroboter fahren durch die Flure. In jedem der acht Operationssäle regelt eine Art hochtechnisierte Käseglocke Luftströme, Temperatur, Licht, Datenflut.

Und Kassenpatienten wird die Genugtuung zuteil, dass ihre Zimmer zwar etwas einfacher eingerichtet, aber genau so groß sind wie die 50 für Privatpatienten in der mit Teppich ausgelegten sechsten Etage. Der Vorteil der Privaten liegt eher im Service-Plus. „Hotel-Service“ bedeutet beispielsweise einen eigenen Schalter im Foyer, die Möglichkeit, eine Begleitperson unterzubringen, und Schreibtisch und Leseecke auf Wunsch. Fernsehen und Kabel-Internet werden an allen 724 Neubau-Betten möglich sein.

Aber auch das erst später. Bald nach dem Tag der offenen Tür werden alle Türen abgeriegelt. Dann beginnt mit der aufwändigen „Hygiene-Reinigung“ der Kampf gegen Baustellen- und sonstige Keime. Es wird der größte Frühjahrsputz Deutschlands.

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