Fürs Essen bleibt zu wenig

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Wieviel sind die Einkäufe wohl wert? Wer am besten tippt, gewinnt den Inhalt.

Offenbach - Rund um einen Einkaufswagen in der Fußgängerzone der Frankfurter Straße tummeln sich Passanten, die den Wert des Inhalts der im Wagen befindlichen Lebensmittel schätzen. Von Alexander Kroh

Die Summe entspricht in etwa dem wöchentlichen Hartz-IV-Satz, der einem Erwachsenen plus Kind zwischen sieben und 14 Jahren zur Verfügung steht. Im Wagen liegen Nudeln, Kartoffeln, Reis - typische Grundnahrungsmittel eben. Ob das für eine Woche Ernährung reicht? Die Passanten sind skeptisch, der Wagen nur knapp zur Hälfte gefüllt.

Aufgestellt haben den Einkaufswagen die Leute vom Caritashaus St. Josef. Mit der Aktion wollen sie die Bevölkerung für die Themen Kinder- und Familienarmut sensibilisieren, erklärt Bereichsleiter Frank Mach.

Zur Problemlage: Laut aktuellem Sozialbericht leben 5978 Kinder (33,3 Prozent) unter 15 Jahren in Offenbach von Sozialleistungen. Damit ist die Stadt trauriger Spitzenreiter in Hessen. Der landesweite Durchschnitt liegt bei 14,4 Prozent.

Für den wöchentlichen Einkauf von Lebensmitteln stehen einem Erwachsenen laut Hartz-IV-Regelsatz 29,97 Euro zur Verfügung, für ein Kind zwischen sieben und 14 Jahren sind es 22,53 Euro.

Caritas stellt knallharte Forderungen an die Politik

Wie viel, oder besser gesagt, wie wenig das eigentlich ist, wollen die Mitarbeiter des Caritashauses in der Frankfurter Straße mit der „Warenkorbaktion“ verdeutlichen.

Dabei geht es aber nicht bloß um Aufklärung und Sensibilisierung der Offenbacher. Die Caritas stellt knallharte Forderungen an die Politik: eigenständige Regelsätze für Kinder, Ausbau von Jugendhilfeeinrichtungen, Einführung eines Familienpasses sowie neue Konzepte zur Gesundheitsförderung von Kindern. Das ist nur eine Auswahl aus dem Forderungskatalog der katholischen Hilfsorganisation.

Genauso ist auch der Einkauf von Nahrungsmitteln nur ein Teilaspekt bei der Betrachtung von Kinder- und Familienarmut. „Auch bei der Bekleidung reichen die Hartz-IV-Sätze nicht aus“, gibt Caritasmitarbeiterin Anke Besslich-Bechtold zu Protokoll.

Für Kleidung und Schuhe sind monatlich 30,40 Euro für einen Erwachsenen vorgesehen. Um damit auszukommen, muss man schon ein echter Schnäppchenjäger sein oder Abstriche bei der Qualität in Kauf nehmen.

Von 20 bis 300 Euro ist bei der Schätzung alles dabei

Gilt das auch fürs Essen? Eindeutig ja, findet die Caritas. Ein Blick in den Einkaufswagen verrät: Eine ausgewogene Ernährung ist nur durch akribische Finanzplanung zu erreichen. Es findet sich kaum Obst und Gemüse, nur sehr wenig Fleisch. Etwas Süßes fürs Kind ist nicht dabei, und auch die Getränkeauswahl ist bescheiden.

Bei ihren Schätzungen sind sich die Passanten nicht wirklich einig. Von 20 bis 300 Euro ist alles dabei, wobei letzterer Tipp wohl nicht ganz ernst gemeint war. Tatsächlich befanden sich im Wagen Lebensmittel im Wert von exakt 53,16 Euro. Gesponsert wurden die Lebensmittel allesamt von Tegut im KOMM-Einkaufszentrum.

Die Einkaufswagenaktion unter dem Motto „Zukunft braucht Gerechtigkeit“ fand anlässlich der 14. Interkulturellen Wochen statt. Schon seit fünf Jahren gehe die Caritas mit vergleichbaren Aktionen auf die Straße, berichtet Bereichsleiter Mach, um immer wieder auf die Thematik der Kinder- und Familienarmut hinzuweisen. Alle Bedürftigen könne man leider nicht unterstützen, zumindest nicht finanziell, bedauert Mach.

Bereits zum Schuljahresbeginn hatte die St. Josef Caritas 50 bedürftige Kinder mit Schulranzen-Sets ausgestattet, es hätten deutlich mehr sein müssen.

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