Fürs ökologische Gewissen

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Ökologische Alternativen gibt’s sogar bei Karotten: Julia Jung bietet den Besuchern am Fuß des Buchhügels gelbe und rot-violette Urkarotten.

Offenbach -  Bei der 4. Offenbacher Ökomesse bekennen die lokalen Grünen Farbe; an der Spitze mit Bürgermeisterin Birgit Simon, die als Umweltdezernentin die Schau eröffnet. Aber auch Grünen-Fraktionschef Peter Schneider und Grünen-Parlamentarier Edmund Flößer finden gestern den Weg an den Fuß des Buchhügels. Von Martin Kuhn

Sie dürften zufrieden gewesen sein: Die Offenbacher zeigen reges Interesse an ökologischem Bauen, erneuerbaren Energien oder biologischem Gemüseanbau. Zudem denkt ein Großteil nicht nur ökologisch korrekt, sondern handelt auch entsprechend. Es geht mit dem Fahrrad zur ehemaligen Stadtgärtnerei.

Am Fuß des Buchhügels wird eifrig gefragt, informiert, gekostet und geschwitzt. Das Zentralgestirn brennt gnadenlos vom wolkenlosen Himmel. Keine Frage: Die Hersteller von Solar- oder Photovoltaik-Anlagen müssen an diesem Tag die Besucher nicht von der natürlichen Kraft der Sonne überzeugen, allenfalls die verschiedenen technischen Möglichkeiten aufzeigen, diese sinnvoll zu nutzen.

Wir wollen erreichen, dass alle Bürger über ökologische Alternativen nachdenken. Das reicht von innovativen Baustoffen bis zur alternativen Bepflanzung“, spricht Birgit Simon über die städtische Motivation für die mittlerweile vierte „grüne“ Ideen- und Leistungsschau. Für die Bürgermeisterin ist es erfreulich und wohl wegweisend, dass die Umwelt- und Klimabranche offenbar von der aktuellen Wirtschaftskrise verschont bleibt. „Die nachhaltige Entwicklung geht weiter - auch bei uns“, betont sie zur offiziellen Eröffnung. Bei aller Euphorie fehlt allerdings eine kritische Anmerkung nicht. So sei zu beobachten, dass etwa Häuslebauer sich durchaus für ökologische Maßnahmen interessieren, diese aber „als erstes hinten runterfallen“, wenn der finanzielle Spielraum eng wird.

Das wird anschaulich am Stand von Stefan Faßnacht. Er wirbt für eine Flüssigtapete, verspricht ein angenehmes Raumklima durch „atmungsaktive Wand- und Deckenverkleidung mit naturreinen Materialien“. Ein älteres Ehepaar verblüfft er mit der Tatsache, dass dieser Wandbelag nicht Ergebnis deutscher Innovation, sondern japanischer Tradition sei. „In Fernost kennt man dieses Prinzip seit 350 Jahren“, erzählt er, während er eine breiige Masse per Kelle zwei bis drei Millimeter dick auf einer Tafel verstreicht. Zutaten: Baumwolle, Wasser, Kleister, Farbpigmente, „zuvor die Wand nur mit lösungsmittelfreien Tiefengrund behandeln“. Man nickt durchaus interessiert. Kosten: pro Quadratmeter 14 bis 27 Euro, mit Arbeitslohn etwa 40. Man schüttelt jetzt deutlich weniger begeistert den Kopf.

Mit einer ähnlichen Zurückhaltung kämpft zunächst auch Alfons Lorenz von Kiekebusch, der in einem alten Gewächshaus kocht und talkt. „Sie können sich gerne setzen“, wirbt er lange ungehört. Erst der Zusatz wirkt Wunder: „Es gibt gleich etwas zu essen.“ Er kredenzt mit Jugendlichen seines Respekt-Projekts Wachtelbrüstchen mit Wildkräutern und plädiert für gesunde und preiswerte Ernährung abseits aller Burger-Burgen. Sein Credo: Es gibt immer gesunde Alternativen. Er wirbt für Verwendung saisonaler und regionaler Zutaten, klagt darüber, dass viele Kinder zu dick seien, da sie falsch ernährt würden. Seine Botschaft geht in einem Bedauern unter: „Die armen Wachteln...

Wer sich dann noch über die Bekämpfung von Schimmelpilz, Recycling alter Elektrogeräte oder Textilien aus Naturfasermaterialien informiert hat, stärkt sich vor dem Heimweg - ökologisch korrekt - mit frisch gepressten Gemüsesaft, Demeter-Wein oder Vollkornpizza. Eine kraftsparende Alternative wäre jetzt ein Drahtesel mit elektrischer Trethilfe, den die Zweiradwerkstatt der GOAB anbietet. Schade, dass das Kleingeld nicht ganz ausreicht für die kraftsparende Alternative. Also wird halt auf dem eigenen Velo weiter geschwitzt.

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