Fundament des Lebens

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Ehrenamtlich wird in St. Josef gearbeitet, ohne darüber groß zu sprechen.

Offenbach - „Juhuuu. Herr Kuhn, kommen Sie rein!“ Alles andere hätte verwundert, Gottes Haus steht schließlich immer offen. Von Martin Kuhn

Allein: Pfarrer Michael Kunze ist zwar zu hören, aber nicht zu sehen. „Gehen Sie ruhig in die Kirche“, weist eine ältere Dame, die an diesem Morgen im Pfarrbüro sitzt, den Weg. Im Gotteshaus diskutiert der Seelsorger mit Peter Krausch, Leiter des Jungen Chores, letzte Details für den Gottesdienst am morgigen Sonntag; mittendrin statt nur dabei: Gemeindereferentin Heike Wurzel.

Die Gemeinde St. Josef wird 90 Jahre alt und feiert das am morgigen Sonntag, 10 Uhr, mit einem Gottesdienst – mit Kirchenchor, Jungem Chor, Kindergarten. Und im Anschluss sammelt sich die Gemeinde vor der Kirche zu Gespräch, Austausch und Kaltgetränken. Das alles ist Spiegelbild einer lebendigen, ja herzlichen Gemeinde im Süden der Stadt.

In der kleinen Küche kredenzt Pfarrer Michael Kunze, der zudem Offenbacher Dekan ist, Kuchen – absolut lecker und selbst gebacken. „Keine Angst, nicht von mir“, fügt er lachend hinzu. Es trifft nicht den Kern, die Stimmung als fröhlich zu bezeichnen, die in der Josef-Gemeinde mit ihren zwei markanten Kirchtürmen herrscht. Man begegnet einander mit offener Herzlichkeit, stets fest verbunden im Glauben an Gott. Es ist keineswegs despektierlich gemeint: Mit Michael Kunze und der Gemeinde St. Josef haben sich zwei gefunden, die zueinander passen.

Kein Stress trotz der vielen Arbeit

Der katholische Pfarrer betont, im Gegensatz zu anderen Geistlichen: „Ich habe immer gesagt, dass ich gerne in die Stadt gehen würde.“ Hat er diesen Satz bereits bereut: „Nein!“, sagt er und hebt die Augenbrauen, „ich fühle mich hier superwohl!“ Das Telefon klingelt. Kunze springt kurz auf, vertröstet den Anrufer. „Ich bereite gerade den Oster-Gottesdienst vor“, entschuldigt er sich.

Und später muss er noch zum Religionsunterricht an die Beethovenschule. Trotz manigfacher Arbeit ist von Stress nichts zu spüren, Pfarrer Michael Kunze ist einer, der seine Berufung zum Beruf gemacht. Dabei sieht er sich als „Teamplayer“ im besten Sinne: „Ohne die Gemeinde, die vielen, vielen ehrenamtlichen Helfer würde ich wenig bewegen.“

Dabei vergisst er keineswegs die hauptberufliche Gemeindereferentin Heike Wurzel. „Fragen Sie sie. Sie kennt sich ohnehin viel besser aus als ich“, spielt der Pfarrer auf den Umstand an, dass Heike Wurzel seit 1997 in St. Josef tätig ist, er selbst aber „erst“ seit 2005. Heike Wurzel ist vor allem in der Jugendarbeit aktiv, begleitet unter anderem die Jungen und Mädchen zur ersten Heiligen Kommunion. „Es ist immer wieder genial, mit den Kindern neue Wege zu gehen.“ Was sie in ihrer Gemeinde antreffen, bezeichnet Heike Wurzel als „lebendig“, Michael Kunze als „bunte Vielfalt“.

In den letzten Jahren über 4500 Austritte

Und er sagt: „Die Kirche ist Teil der Gesellschaft, sie unterscheidet sich daher nicht so sehr.“ Wobei die Gemeindearbeit getragen wird vom Wort Gottes. Gemeinde, Gemeinschaft und Glaube – das gehört für ihn untrennbar zusammen. Es wird klar: Kirche ist weit mehr als der Besuch des Gottesdienstes oder die Liturgie in lateinischer Sprache. „Jugendarbeit etwa ist religiös; die Jugendlichen verbringen Zeit miteinander und Glauben aneinander. Das wird oft nicht gesehen“, sagt Heike Wurzel. Ein „leider“ fügt sie nicht hinzu, man glaubt aber, es irgendwie unausgesprochen zu vernehmen.

Um die Zukunft der Gemeinde machen sich die Hauptamtlichen keine Sorgen, obwohl Zahlen des Bistums erschrecken. Der Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, rechnet vor: „Im Schnitt der letzten Jahre waren es jeweils zirka 4500 bis 5000 Austritte. Es ist also jedes Jahr zahlenmäßig eine große Pfarrei, die wir verlieren.“ Der lokale Vertreter Gottes hat natürlich kein Patentrezept parat, sagt aber: „Es wäre schön, wenn die Gemeindeglieder vorher zu uns kommen und über die Beweggründe zu reden.“

Geschichte der Gemeinde spiegelt Historie der Stadt wider

Es sei eine ewige Diskussion, die verlorenen Schafe wieder in die Obhut der Kirche zu bekommen. St. Josef versucht es über die Sakramente, von Jesus Christus verkündete Zeichen der Gnade, mit Schwerpunkt auf Taufe, Firmung, Eucharistie, Ehe. Viele begleiten etwa als Katecheten ihre Kinder auf dem Weg zur Erstkommunion und kommen so wieder in Kontakt mit der Kirche und der Gemeinde.

Es entspricht dem Leitbild, unter dem sie feiert: 90 Jahre – St. Josef bleibt jung. Dabei spiegelt die Geschichte der Gemeinde die Geschichte der Stadt wider. Als sich Offenbach nach Süden ausdehnte, entwuchs aus St. Paul die neue Gemeinde St. Josef. Als die Grenzen der Bebauung erneut zu eng wurden, folgten St. Elisabeth und St. Konrad.

Die drei sind heute wieder vereint als Pfarreienverbund Südstadt. Wie das in zehn Jahren aussieht, vermag Pfarrer Michael Kunze nicht abzusehen. „Ich wünsche mir aber, dass wir Sprache, Art und Weise finden, dass der Glaube an Gott ein festes Fundament des Lebens ist.“ Nach einer kurzen Pause fügt er noch ein eher weltliches Anliegen hinzu: „Dass Kirche auch in zehn Jahren noch etwas zu sagen hat.“

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