Furchtlos durch die Höllenstube

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Einmal an der Rutschstange die Etage wechseln - das durften die Teilnehmerinnen am Girls Day in der Feuerwache zwar nicht. Dafür kletterten sie durch einen Orientierungsparcours.

Offenbach - Ob die farbig einheitliche Montur der Feuerwehr etwas für sie wäre? Sie sind ja auch mit einer Art Uniform angetreten: Chucks, also Basketballschuhe, darüber Röhrenjeans, oben lässig um den Hals geworfene Schals, trägt fast jede. Von Cora Werwitzke

Derart ausgerüstet stürzen sich 16 junge Damen ins Abenteuer Feuerwache. Unterwegs mit Ausbildungsmeister Norbert Habenstein, mischt die Mädchengruppe einen halben Tag lang das Domizil der Offenbacher Berufsfeuerwehr auf, das sich ansonsten - zum Leidwesen der Chefetage - fest in Männerhand befindet.

Der „Girls’ Day“, auf Deutsch Mädchenzukunftstag, macht’s möglich: Für Rebecca, Iris, Lena und gut einem Dutzend weiterer Mädchen zwischen elf und 15 Jahren steht ausnahmsweise Feuerwehrkunde im Stundenplan. Theoretisch bleibt es dabei nicht lange.

Der Ausbildungsmeister nimmt die Teenager, die teils aus der Stadt, teils aus dem Kreis Offenbach angereist kamen, gleich mit in die berüchtigte „Höllenstube“. „Wir nennen sie auch liebevoll unsere Folterkammer“, ermutigt Norbert Habenstein schmunzelnd, bevor er die schwere Kellertür öffnet. Drinnen erwartet die Mädchen ein vergitterter Hindernisparcours. „Normalerweise herrschen hier Saunatemperaturen, und dicke Rauchschwaden nehmen einem die Sicht“, sagt Habenstein.

Bilder von den Mädels bei der Feuerwehr

Mädchen besuchen Feuerwehr zum Girls' Day

Der obligatorische Höllentrip steht einmal pro Jahr für alle Einsatzkräfte an. Unter den Mädchen kreuzen sich die Blicke: Wer traut sich? Nach kurzem Zögern klettert eine Mutige voran, alle anderen folgen nach - über Hindernisse hinweg, an dunklen Ecken vorbei, unter Engstellen hindurch. Modebewusst mögen die jungen Damen sein, zimperlich sind sie nicht.

Nach bestandenem Platzangst-Test können die Schülerinnen im Anschluss direkt ihre Höhentauglichkeit prüfen. Im Korb der Drehleiter befördert Feuerwehrmann Habenstein jeweils ein Trio auf gut 15 Meter Höhe. Oben schießen die Teenager mit ihren Kamerahandys Fotos aus der Vogelperspektive, unten wartet der Rest geduldig in der Sonne. „Spaß macht’s schon, aber so richtig mein Ding ist es nicht“, meint die zwölfjährige Lena zur Option, Feuerwehrfrau zu werden. Auch Iris und Rebecca reißen die Einblicke bis dato nicht vom Hocker. „Ich glaube, für den Beruf muss man in Chemie gut sein“, bemerkt die 14-jährige Iris - und verzieht vielsagend das Gesicht.

Die Äußerungen der Mädchen dürften Dr. Michael Eiblmaier nicht verwundern. Der stellvertretende Leiter der Berufsfeuerwehr kann ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, Frauen für den Einsatzdienst zu begeistern. „Ich bin inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass der Beruf bei Männern einfach besser ankommt - das lässt sich wohl kaum ändern.“

Bislang nur eine Frau bei der Offenbacher Feuerwehr

Unter 131 Offenbacher Einsatzdienstbeamten mischt nur eine einzige Frau mit. Dabei bemüht sich die Berufsfeuerwehr seit geraumer Zeit aktiv weiblichen Nachwuchs zu fördern. Für gehörige Desillusion sorgt derzeit allerdings wieder ein aktuell laufendes Bewerbungsverfahren: „Von allen eingegangenen Bewerbungen stammen gerade einmal vier Prozent von weiblichen Kandidaten“, berichtet Eiblmaier. Offensichtlich fehlt es also vordergründig am Interesse, und das Problem liegt nicht - wie man auf den ersten Blick meinen könnte - allein bei dem teils körperlich anspruchsvollen Auswahlverfahren.

Nichtsdestotrotz werden es die Brandschützer weiter versuchen: „Wir wollen innerhalb von drei Jahren insgesamt sieben Frauen für den Einsatzdienst gewinnen.“ Persönlich hält Eiblmaier dieses Ziel für gerechtfertigt: „Ich bin ein Verfechter von mehr Frauen im Einsatzdienst, denn meiner Meinung nach verändert sich das Klima positiv, wenn in gemischten Teams gearbeitet wird.“ Auf Schützenhilfe durch den Girls’ Day hofft der Wehr-Vize nicht ohne Grund. Ermutigend ist das rege Teilnehmerinteresse. „Die Anzahl der Anmeldungen ging weit über unsere Kapazitäten hinaus“, berichtet die betriebliche Frauenbeauftragte der Stadt, Ingrid Reichbauer.

Und selbst, wenn der Girls’ Day in einigen Jahren nicht für einen Schwung neuer Brandschützerinnen sorgen wird, kann die Feuerwehr immer noch auf eine jüngere Zielgruppe hoffen: Die ebenfalls gestern eingeladene Kindergartengruppe war von der Feuerwache jedenfalls hin und weg.

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