Fußball ist Feuer unterm Hintern

Offenbach - Wem Fußball nichts sagt, für den ist die Mix-Zone im Stadion lediglich eine architektonische Gegebenheit, die kaum dazu einlädt, lange zu verweilen. Dort, wo sich vor dem Anpfiff die Mannschaften aufstellen, um anschließend auf den Rasen zu laufen. Von Stefan Mangold

Wen der Fußball aber so mitnimmt, dass ihm nach einer Niederlage seines Teams der Tag verhagelt ist, der hört das Klacken der Stollen auf dem Boden, wenn die Protagonisten vom einen aufs andere Bein wechseln, ehe es in die Arena geht.

Dort standen die 100 Teilnehmer in zwei Gruppen, die das im Bau befindliche Sparda-Bank-Hessen-Stadion auf dem Bieberer Berg am Samstag auf Einladung der Stadtwerke und unserer Zeitung besichtigten. Weil mehr als 500 Leser einen Blick hinter die Kulissen werfen wollten, entschied das Los.

Oft dauert es nur ein paar Jahre, bis eine Mannschaft samt Trainer ausgetauscht ist. Die konstanten Gesichter im Club tauchen selten vor Mikrofonen oder Kameras auf. Wie Eugen Wich, seit zwölf Jahren Zeugwart der Kickers. Der macht am Samstag die Wäsche, während sein Kollege den OFC-Spielern in Aalen die Trikots hingelegt. Nein, nach Niederlagen „wird sich fast nie in der Kabine angebrüllt“, berichtet Wich. Da herrsche eher bedrücktes Schweigen. Ganz im Gegensatz zu den Minuten nach Siegen. Vor allem, wenn die Entscheidung erst durch ein Tor am Schluss fiel.

Exklusiver Einblick in die Spielerkabinen

In der Kabine hat jeder der 29 Spieler im Kader seinen festen Platz. Einer davon erinnert an Dekorationen von Spinden bei der Bundeswehr. Auch da hängt das Bild einer leger bekleideten Dame. Dass Kicker auch Fans sind, beweist ein Artikel über den niederländischen Nationalspieler Robin van Persie an einer andern Schrankwand. Der bespricht den Stürmer von Arsenal London als besten der Premiere League.

„Wo sind die Duschen?“, fragt eine Frau. Und Rudi Kranz, der führt und erklärt, „dass mehr als 3000 Einzelteile im Stadion verbaut sind“, scheint auf die Frage gewartet zu haben. „Vor fünf Minuten standen alle noch drunter“, scherzt er und betont, dieses Informationsbedürfnis komme bei jeder Führung von einer Frau.

Rudi Kranz (75) ist seit 45 Jahren ehrenamtlich hinter den Kulissen tätig. Er war schon im Verein aktiv, als die Offenbacher 1974 die Münchner Bayern mit 6:0 aus dem Frankfurter Waldstadion fegten und in derselben Saison lange um den Titel spielten. Kranz erlebte auch, wie die Kickers in der Viertklassigkeit dümpelten. „Beim Fußball brauche ich keinen beheizten Sitz“, erklärt der agile Rentner, als er die entsprechende Reihe auf der Haupttribüne zeigt, „da habe ich 90 Minuten Feuer unterm Hintern.“ Früher leitete der Stadionführer den Ordnungsdienst. Später hatte der Maschinenbaumeister die technische Hoheit am Berg.

Wer Mist baut, wandert in die Stadionzelle

Zu Beginn der Führung lässt sich eine Gruppe die Gästetribüne zeigen. Die liegt neben dem Block der eigenen Anhänger. Beide trennt ein Zaun. Sonst fühlten sich die meist jungen Männer wohl bemüßigt, einander zu attackieren. „Bisher hat noch niemand versucht, drüber zu klettern“, sagt Peter Walther, Geschäftsführer der Gesellschaft, die das Stadion betreiben. Wer Mist baut, riskiert ohnehin den Gang in die Zelle. Darin riecht es nicht so, als lasse jeder Arrestant sein Wasser in der Toilette.

Im VIP-Bereich erzählt Josef Weilbächer vom Pokalendspiel 1970 gegen Köln. In dem gelang ihm das Kunststück, den Schiedsrichter davon abzuhalten, Libero Hans Reich zusätzlich zum gegen den OFC verhängten Elfmeter vom Platz zu stellen. „Es sind nur noch acht Minuten“, argumentierte Weilbächer. Was beim schwarzen Mann zog. Den Strafstoß hielt Torhüter Karlheinz Volz. Die Kickers holten den Pott.

Rubriklistenbild: © Georg

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