Künstliches Grün für Jungkicker

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Während der bereits genutzte und in zwei Kleinspielfelder teilbare Kunstrasenplatz 56x90 Meter umfasst, hat der neue Untergrund (Bild) Maße von 68x105 Meter – ein sogenanntes Großspielfeld. Das wird selbst bei Regen eifrig genutzt.

Offenbach ‐ Es ist dem Fritz sein Wetter:  Regen. Böen treiben das kalte Novembernass in alle Ritzen. Der Fußballer Fritz Walter hätte seine Freude gehabt. Von Martin Kuhn

Auf schwerem, nassem Boden spielte der „Chef“ seine überlegene Technik aus. Wer weiß, ob der Ehrenspielführer der Nationalmannschaft mit diesem Boden zurecht gekommen wäre. Im Sportzentrum Wiener Ring erfolgt die offizielle Übergabe eines weiteren Kunstrasenplatzes durch Daniela Matha. Die Chefin der Sport und Freizeit GmbH (SOF) hat die Schlüssel dabei, Sportbüroleiter Jürgen Weil die Fußbälle für die Vereinsleute. Richtig glücklich sieht keiner aus. Aber das ist allein dem tristen Schmuddelwetter geschuldet.

Während die Offiziellen am frühen Abend bibbern und Regenschirme geradebiegen, schnüren Jugendfußballer unverdrossen ihre Kickschuhe. Schlechtes Wetter? „Gibt’s nicht“, unkt ein Betreuer. Jungs mit den roten Regenjacken des FC Bieber trotten zurück zum Umkleidegebäude, Mädels mit blauem Wetterschutz von der SG Wiking laufen zu ihrer Übungseinheit. Mittendrin und dazwischen Fußballnachwuchs der Offenbacher Kickers. Der überaus rege Betrieb lässt den Schluss zu: Es war eine richtige Entscheidung der Stadt, die Trainingsanlage am Tambourweg zum Sportzentrum mit den Schwerpunkten Fußball und Leichtathletik umzubauen.

„Untergrund der Zukunft“

„Wir liegen exakt im Zeitplan“, sagt Daniela Matha. Der Kunstrasenplatz (offizieller Name: Spielfeld 6) ist das neue Prunkstück der Anlage. Während der bereits genutzte und in zwei Kleinspielfelder teilbare Kunstrasenplatz 56x90 Meter umfasst, bietet das zweite Kunstrasenfeld ein 68x105 Meter langes Großspielfeld. Den hochwertigen Belag bezeichnet Matha als „Untergrund der Zukunft“: Kunstrasen sei pflegeleichter als die natürliche Variante – „und er kann, wie im vergangenen Winter getestet, bei jeder Witterung bespielt werden.“

Als letzter fußballerischer Baustein des 5-Millionen-Euro-Projekts fehlt jetzt ein weiterer Naturrasenplatz (Spielfeld 5). Diese Arbeiten sind Ende November abgeschlossen, sodass der Rasen eingesät werden kann, bespielbar ab Mai 2011. Derweil liebäugeln einige Vereine bereits mit einem weiteren Kunstrasenplatz. Die bremst Detlef Reissmann, Vorsitzender der SG Wiking, aus: „Sinnvoller und billiger wäre es doch, den bestehenden Hart- in einen Kunstrasenplatz umzuwandeln – falls die Stadt Geld dazu hat.“ Wer den Jungkickern an diesem Abend auf dem roten Matsch zusieht, stimmt ohne Vorbehalte zu.

Gebaut für die Offenbacher Klubs

Wer sich das neue, funktionale und zweigeschossige Umkleidegebäude ansieht, könnte indes den Verdacht hegen, dass die Sport und Freizeit GmbH (SOF), Tochter der Stadtwerke Holding, am Tambourweg etwas überdimensioniert gebaut hat: zwölf Kabinen und Duschen zum Umkleiden, acht für Schiedsrichter, weitere Räume für Hausmeister, Technik, Sanitäter. „Nein, gerade an den Wochenenden brauchen die drei Vereine das alles.“ Schließlich gehören ja auch gegnerische Teams zum Spiel. Und Matha betont: „Wir haben hier nicht zum Selbstzweck gebaut, sondern für die Offenbacher Klubs.“

Deren Engagement hebt Sportbüroleiter Jürgen Weil hervor: Die drei Vereine haben zusammen 27 Jugendteams, in denen annähernd 800 Jungen und Mädchen im Alter bis 18 Jahre gemeldet sind. Mehr als 50 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund. „Und so leisten diese Vereine auch eine hervorragende Integrationsarbeit. Insofern zahlt sich die Investition in den Sport doppelt aus.“ Die Angebote, die dank der neuen Anlage nun deutlich ausgebaut werden könnten, ermöglichten vielen jungen Menschen Erfolgserlebnisse und soziale Teilhabe.

„Die SG Wiking hat 15 Jahre gewartet“

Für die drei Vereine ist’s ein langer Weg zum Sportzentrum. „Die SG Wiking hat 15 Jahre gewartet“, rechnet Reissmann nach und sagt: „Der FC Bieber hat hier seine Wurzeln.“ Da kann Andreas Neumann nur zustimmend nicken: „Stimmt, seit 30 Jahren sind wir hier zuhause.“ Die Geschichte des Areals: Das am 3. Juni 1967 eröffnete Tambourbad galt lange Zeit als eines der modernsten Bäder Hessens. Später folgten in unmittelbarer Nähe Hart- und Rasenplatz samt Tartanlaufbahn. Leider hatten sich die Planer das falsche Areal, respektive den falschen Untergrund fürs Schwimmbad gewählt: Im März 1994 musste es geschlossen werden – aus der verfüllten Haus- und Gewerbemülldeponie stieg Gas auf. Nicht betroffen: die Fußballer.

Zur Komplettierung des Sportzentrums fehlen noch zwei Dinge: Die Aktiven der Leichtathletikgemeinschaft (LGO) erhalten eine neue Kugelstoßanlage, die Umsetzung der Stabhochsprunganlage von der Rosenhöhe soll „kurz- bis mittelfristig folgen“. Viel entscheidender scheint indes die Fertigstellung des Parkplatzes am Wiener Ring – der soll Ende des Monats für alle Nutzer bereitstehen. Damit dürfte sich einiger Verkehr verlagern. Daniela Matha ist sicher, dass der Untergrund – bislang ist der Wiener Ring lediglich eine Stichstraße – den Verkehr verkraftet. Ob’s die Anlieger auch tun, sei dahingestellt. Um eine neue Anbindung oder geänderte Y-Tangente im Zug des Stadionneubaus kümmert sich die SOF nicht: „Das ist allein Sache der Stadt.“

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