Fußball als Erfolgsrezept

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Schon wenige Stunden in der Woche genügen, um ein gutes soziales Miteinander in einem Viertel nachhaltig zu sichern. Daher setzt die Nassauische Heimstätte auf Quartiersbetreuer mit Streetworker-Erfahrung wie Winfried Mylius (rechts).

Offenbach - Manchmal genügen acht Stunden in der Woche, um in einem Viertel ein gutes soziales Miteinander nachhaltig zu sichern. Von Heike D. Schmitt

Vor etwa einem Jahr kam das bisher gute nachbarschaftliche Verhältnis in der Carl-Ulrich-Siedlung ins Wanken: herumliegender Müll, Ruhestörungen, lautes Fußballspielen in der Siedlung von manchmal bis zu 30 Jugendlichen störten so manchen Bewohner.

Doch dem Quartiersbetreuer der Nassauischen Heimstätte, Winfried „Winny“ Mylius, ist es in enger Zusammenarbeit mit den Jugendzentren im Stadtteil erstaunlich schnell gelungen, für eine entspannte Situation zu sorgen. Dabei kam ihm seine Erfahrung zugute: Der 38-Jährige hatte bereits als Honorarkraft fürs Jugendzentrum Lauterborn gearbeitet und kannte eine Reihe der Jugendlichen aus dieser Zeit. „An zwei Tagen pro Woche“, so beschreibt er sein Erfolgsrezept, „sammle ich für vier bis fünf Stunden die Jugendlichen ein.“ Dann geht es ab auf die Bolzplätze der in der Nähe liegenden Schulen. Das Training zahlt sich aus: Bei einem Fußballturnier des JUZ Lauterborn gewann das Carl-Ulrich-Team den Wanderpokal der Nassauischen Heimstätte. „Das hat mich schon stolz gemacht“, freut sich Mylius. Finanziert wird diese Initiative allein von der Wohnbaugesellschaft, Fördergelder werden hierfür nicht in Anspruch genommen.

Engagement des Quartierbetreuers

Das Engagement des Quartierbetreuers scheint aber nicht nur bei Pokalspielen, sondern auch in der Carl-Ulrich-Siedlung Erfolg zu zeigen. „Die Gruppe ist selbstständiger geworden und organisiert mittlerweile vieles alleine“, versichert Mylius. Jetzt komme es allerdings darauf an, den Kontakt nicht abreißen zu lassen. „Unser größtes Problem ist die fehlende Halle, in der wir im Winter unser Training an zwei Wochentagen fortführen können“, drängt der Betreuer. Alle Versuche bei der Stadt und bei Vereinen, eine witterungsunabhängige Trainingsmöglichkeit zu finden, seien bislang fehlgeschlagen.

„Es wäre schade, wenn dieses Projekt wegen zwei Hallenterminen pro Woche scheitern würde, nachdem wir es gemeinsam so erfolgreich aufgebaut haben“, erklärt Projektleiter Sascha Langknecht aus dem Bereich Sozialmanagement der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt. Mylius fügt hinzu: „Kontinuität ist wichtig. Wir können doch nicht sagen: Kommt im Frühjahr wieder…“ Wenn sich keine geeignete Halle finde, müsse er sich nun wohl etwas Neues einfallen lassen, um im nächsten Frühjahr nicht wieder bei null anzufangen.

Arbeit mit den Jugendlichen

Damit wäre niemandem gedient. Denn die Siedlung hat sich durch die dauerhafte Arbeit mit den Jugendlichen wieder beruhigt: Bänke werden nicht mehr belagert, lautes und allzu wildes Fußballspielen ist vorbei. Das Interesse ist verständlich: Die Nassauische Heimstätte besitzt dort 536 Wohnungen.

„Für uns ist es entscheidend“, erläutert Langknecht, „dass vor Ort das soziale Gefüge erhalten bleibt. Deshalb investieren wir hier und etwa in der Hans-Böckler-Siedlung in Quartiersbetreuer mit Streetworker-Erfahrung – wie Winfried Mylius.“ Erstes Ziel sei es, den Jugendlichen eine Anlaufstelle zu bieten und sie in ihrer Freizeit zu beschäftigen – erste Voraussetzung für eine langfristigere Perspektive.

Aufgabenspektrum ist vielfältig

Das Aufgabenspektrum eines Quartierbetreuers ist vielfältig: „Ich komme um 15 Uhr in die Siedlung, dann spreche ich erst einmal mit den Kids, die ich treffe“, erläutert Mylius. Viele Sorgen lassen sich schon beim Rundgang aus der Welt schaffen. „Da geht es um Probleme mit Eltern, schlechte Schulnoten, Hausaufgabenhilfe, einen 400-Euro-Job.“ Bei komplexeren Aufgaben verweist er die Jugendlichen an das Jugendzentrum Falkenheim. So wird derzeit, sagt Barbara Leissing, Leiterin der Jugendzentren Falkenheim und Lauterborn sowie des Kindertreffs Neusalzer Straße, die „vertiefende Beratungsarbeit“ angeboten, die in einigen Fällen nötig sei. Obendrein will das Jugendzentrum sich stärker mit der Siedlung vernetzen.

Fußball ist cool, jedenfalls in den Augen der Kids – mittlerweile gibt es sogar eine Liga im Straßenfußball. Das Wichtigste aber sei, erläutert Mylius, „dass das Spiel viel bietet, was den jungen Leuten fehlt: Kontinuität, Ziele, Belohnung, das Erlebnis im Team und Verantwortung für andere.“ Der ‚positive Kick‘ entstehe natürlich zunächst durch den Wettkampf. Beinahe noch entscheidender aber sei die Anerkennung. „Winny, hast du gesehen, wie ich das Tor gemacht habe?“, tönt es über den Platz. Oder der Trainer lobt aktiv: „Hey, ein Superpass!“

„Nicht nötig, sich wild aufzuführen“

„Jugendliche, die wissen, wo ihre Stärken liegen, haben es nicht nötig, sich wild aufzuführen“, sagt Sozialpädagogin Leissing. Deshalb sei es wichtig, viele unterschiedliche Angebote zu machen. Diese Erfahrung ist Grundlage der Arbeit eines Quartiersbetreuers. „In jedem Jugendlichen steckt ein Talent, das sich mit der Zeit herauskristallisiert“, so die Beobachtung. Schwimmen, Billard, Ausflüge, Kochen – all dies biete Chancen, verborgene Fähigkeiten zu entdecken. „Wenn wir den Jugendlichen helfen wollen, müssen wir ihre Persönlichkeit entwickeln.“

Wichtig sei aber, so Mylius, dass die Ansprache kontinuierlich erfolgt. Die größte Angst der Jugend: „Winny, wir wollen nicht, dass du bald weggehst.“ Den Mechanismus kennen viele leider: Ein Projekt laufe aus und die Jugendlichen seien wieder auf sich allein gestellt. Sascha Langknecht beruhigt. „Wir wollen das Viertel grundlegend stabilisieren – wir denken in mittel- bis langfristigen Perspektiven.“ Immerhin steht im Jugendzentrum Falkenheim jetzt ein Raum zur Verfügung, in dem der Quartiersbetreuer sich mit seinen Jugendlichen einmal in der Woche treffen kann.

Die Quartiersbetreuer seien, so erläutert Langknecht die Strategie, „eingebettet in ein ganzes Bündel von Projekten und Dienstleistungen der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt.“ Sie alle dienen dem Ziel, im jeweiligen Viertel das Wohnumfeld so zu gestalten, dass es für eine bunt gemischte Einwohnerschaft attraktiv ist und bleibt. Denn das sei, so Langknecht, „die Voraussetzung für einen stabiles Quartier.“

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