Gangtrainer-Therapie

Teure Reha mit Roboter

Offenbach - Das Reha-Zentrum Neuroneum am Sana-Klinikum besitzt einen robotischen Gangtrainer – den einzigen im Umkreis von 150 Kilometern. Kinder und Erwachsene mit Hirnschäden können so das Laufen wieder erlernen. Von Julia Radgen 

Durch die Gehbewegungen auf dem Laufband soll Suhail Al Muflehs Gehirn sich wieder an das Verlernte gewöhnen. Ein eigens geschulter Therapeut passt die robotergestützten Orthesen individuell an den Patienten und seinen jeweiligen Fortschritt an. 

Bis zu neun Personen nutzen das Angebot täglich, doch die Finanzierung der Therapie ist problematisch. Ein virtuelles Männchen läuft einen Pfad entlang, mit jedem Schritt sammelt es goldene Münzen ein. Vor einem großen Tor kommt die kleine Figur vom Weg ab – erst beim erneuten Versuch kann sie das Hindernis umgehen. Was auf den ersten Blick wie ein Videospiel wirkt, ist Teil des sogenannten LokomatPro. Einer dieser weltweit ersten robotergestützten Gangtrainer steht seit November im Reha-Zentrum Neuroneum, angesiedelt am Sana-Klinikum. In die Halterung des Geräts ist an diesem Vormittag der 73-jährige Suhail Al Mufleh eingespannt. Er hängt über dem Laufband, das langsam anfährt, während seine Ober-und Unterschenkel von Elektromotoren bewegt werden. Sein Gehirn soll durch die Automatik das Gehen wieder erlernen. Seitdem Al Mufleh im im Herbst einen Schlaganfall erlitt, kann er das nicht mehr. Zusammen mit seinen beiden Söhnen und einem Pfleger ist er eigens für die Roboter-Reha aus Dubai eingeflogen. Sohn Sami sagt, ein vergleichbares Gerät gebe es in der Heimat nicht.

„Es ist alternativlos“, sagt auch Neuroneum-Geschäftsführerin Claudia Müller-Eising über die 400 000 Euro teure robotische Gangorthese, die die Frankfurter Kinderhilfestiftung spendete. Bei einer konventionellen Behandlung müssten vier Therapeuten den Patienten stützen, der bis zu zehn Meter bewältige. Mit dem Roboter sind es zwischen 500 und 1500 Metern auf dem Laufband. Die Bewegungen des Patienten werden von der kleinen Figur auf dem Bildschirm widergespiegelt. Diese sogenannte Biofeedback-Methode fordert die Sinne heraus und soll den Patienten motivieren.

Eine Stunde am Gangtrainer kostet ungefähr 120 Euro. Für vier Wochen und insgesamt 20 Therapieeinheiten ist die Familie Al Mufleh aus den Vereinigten Arabischen Emiraten angereist, erzählt Sohn Sami. Zwölf Mal trainierte der Vater schon am Offenbacher Klinikum. „Er hat ernorme Fortschritte gemacht“, sagt der Sohn, der in der Heimat Geschäftsführer einer Werbefirma ist, die als Marktführer im Mittleren Osten gilt.

Wer weniger gut betucht ist als die Familie aus Dubai, kann die Therapie nur schwer finanzieren, weiß die Geschäftsführerin. Das Gerät ist das einzige seiner Art im Umkreis von 150 Kilometern. Das Besondere: Es lässt sich für Kinder umrüsten. „Unsere Hauptklientel sind junge Erwachsene “, betont Müller-Eising. Auf die Behandlung Minderjähriger mit Gehirnverletzungen ist das Zentrum spezialisiert. Unfälle, Stürze, aber auch Hirntumore oder Drogenkonsum sind bei jungen Menschen meist dafür verantwortlich, dass sie das Laufen neu lernen müssen.

„Es gibt keine geregelte Kostenübernahme durch die Krankenkassen“, bedauert Neuroneum-Geschäftsführerin Müller-Eising. Eltern müssten lange um eine Kostenübernahme kämpfen: Der Erstantrag werde fast immer abgelehnt. Das Reha-Zentrum hilft Familien bei der Beantragung, rät zum Widerspruch. „Es ist eine Einzelfallentscheidung.“ Wenn die Therapie mit dem robotergestützten Gangtrainer bewilligt wird, bezahle die Kasse in der Regel nur zwei bis drei Wochen, sagt die Juristin. Drei Monate Gangtrainer-Therapie nennt Müller-Eising als Minimum, die meisten Patienten benötigten ein halbes oder ganzes Jahr. „Das ist ein Riesenproblem.“ Die meisten Eltern sammeln daher Spenden, um die Therapie ihrer Kinder zu bezahlen.

Von der Wirksamkeit der Reha-Form ist Müller-Eising überzeugt: „Nach fünf Einheiten verbessert sich die Aufmerksamkeit.“ Mit einer zehn Patienten umfassenden Studie in Kooperation mit der Hochschule Fresenius will das Neuroneum seine Erfolge wissenschaftlich dokumentieren. Wenn junge Patienten mit Hirnverletzung durch den robotischen Gangtrainer wieder Laufen lernten, sei das nicht nur eine große Erleichterung für die jeweiligen Eltern, so Müller-Eising – es helfe auch anderen, bei ihrer Krankenkasse eine Kostenübernahme zu erwirken.

Rubriklistenbild: © Georg

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