„Nathan der Weise“ beweist Bühnentauglichkeit

Mit ganz feiner Nadel genäht

Szene aus der „Nathan“-Inszenierung J  Foto: Martin Sigmund
+
Szene aus der „Nathan“-Inszenierung

Offenbach -  Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ gehört zu den beliebtesten Schullektüren. Kaum zu glauben, dass die Uraufführung dieses Stücks 1783, zwei Jahre nach dem Tod des Autors, kein Erfolg war. Von Sebastian Krämer

Erst Friedrich Schillers Bearbeitung verhalf ihm zum Durchbruch auf der Bühne. Die anhaltende Popularität dieses Stoffs bewiesen zahlreiche Oberstufenschüler bei der Vorstellung der Theateressenz im Offenbacher Capitol.

Es geht um den reichen Juden Nathan (Patrick Schnicke), der von einer Geschäftsreise zurückkehrt und erfährt, dass seine Adoptivtochter Recha (Laura Sauer) von einem Tempelherrn (Heiner Kock) aus einem brennenden Haus gerettet worden ist. Natürlich verliebt sich der heißblütige Christ in das jüdische Mädchen und hält bei Nathan um ihre Hand an. Unterstützt wird er von Rechas Gesellschafterin Daja (Susanne Weckerle), die sich von der Heirat eigene Vorteile erhofft. Im weiteren Verlauf stellt sich indes heraus, dass der Tempelherr Rechas Bruder ist.

Währenddessen bittet der klamme moslemische Herrscher Jerusalems, Sultan Saladin (Rolf Kindermann), um Nathans Unterstützung. Der soll ihm Geld für einen Krieg gegen die Christen beschaffen. Als er Nathan nach der wahren Religion fragt, antwortet dieser mit der Ringparabel: Keiner der drei großen Weltreligionen sei der Vorrang zu geben.

Christoph Roos verzichtet in der Inszenierung des Landestheater Tübingen auf Hammer und Meißel. Seine Aktualisierungen sind mit feiner Nadel in den Text eingenäht. So lässt er die Handlung durch Verfremdungseffekte unterbrechen, bei denen das Licht gedimmt ist und die Schauspieler dem Publikum Pegida- sowie IS-Parolen entgegenschmettern. Damit wird die Utopie aktuellen Geschehnissen gegenübergestellt. Ansonsten fällt die Inszenierung klassisch-konservativ aus und weiß vor allem darstellerisch zu gefallen.

Heiner Kock sowie Daniel Tille in der Rolle des Klosterbruders bieten Glanzleistungen, die mit Extrabeifall quittiert werden. Komplettiert wird das Ensemble durch Gotthard Sinn (Patriarch), Robin Walter Dörnemann (Derwisch) und Franziska Beyer (Sittah). Effektiv genutzt wird auch das Bühnenbild aus einem zum Publikum geöffneten Ring, gebildet aus Podesten und Bühnenelementen, sowie einem Lumpenmeer in dessen Mitte.

Am Ende der kurzweiligen 160-minütigen Vorstellung steht wieder einmal fest: Dieses Werk sollte weiterhin seinen festen Platz im Schulkanon behalten.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare