Die ganze Welt auf der Zunge

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Serdal Cavus reicht mit einer Zange frisches Gebäck über die Theke. Brezeln, Sesamringe, Brot. 60 Angestellte hat der Betrieb alleine an der Sandgasse, an der er seit 15 Jahren sein Domizil hat. Dennoch ist die Bäckerei für viele Offenbacher immer noch ein Geheimtipp.

Offenbach ‐ Offenbach schmeckt nach sahniger Milch und zergeht cremig mild auf der Zunge. Zumindest an der Bieberer Straße 23, wenn man bei Familie L'Abbate den frisch gemachten Ricotta probiert. Von Katharina Skalli

Auf dem Wochenmarkt, wo in diesen Tagen der Schnee die Hektik vor den Feiertagen auf Zeitlupe stellt und den grellen Lichtern der Weihnachtsdeko einen sanften Filter überzieht, schmeckt die Stadt schon anders. Hier präsentieren sich die Aromen Offenbachs konzentriert und jeder kann sich genau das auf der Zunge zergehen lassen, was ihm am besten mundet. Die Stadt Offenbach hat am Samstag unter dem Motto „OFlovesU“ wieder zur „Esskultour“ gebeten – für einige Teilnehmer, ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk für andere ein neuer Blick auf die Stadt und für alle ein multi-kulti Geschmackserlebnis. Eingeladen sind alle: Zugezogene, Liebhaber der Stadt und Neubürger.

Die Nachfrage ist groß und wer auf das nächste Mal vertröstet wird, könnte meinen, er wolle auf das Empire State Building in New York. Dabei geht es schlicht um einen Blick in die Hinterhöfe Offenbachs, die man alleine jedoch meist nicht wagt. Auch Andrea aus Bürgel ist schon mit dem Fahrrad durch die Sandgasse gefahren und hat die Cavus Bäckerei und den türkischen Bayram-Markt entdeckt. Drin war sie jedoch bis heute noch nicht.

Stadtführerin Alia Litzmann lotst die kleine Gruppe aber erst einmal in das Haus gegenüber, ins Restaurant der Mevlana Moschee. Seit etwa zwölf Jahren dreht sich hier bereits der Dönerspieß. Hinter der kleinen Theke stapelt sich zuckriges Gebäck und in dampfenden Soßen schmort buntes Gemüse und saftiges Fleisch. Ein Gemeindemitglied serviert den durchgefrorenen Besuchern schwarzen Tee. Außerdem gibt es Pide. Teigschiffchen gefüllt mit Spinat, Käse und Ei oder scharfe Hackfleischpaste mit Koriander.

Semsseddin Gümüstekin ist Vorsitzender der Islamischen Gemeinde. Er freut sich über den Besuch. Meistens kommen Studenten der benachbarten Hochschule für Gestaltung zum Essen und auf einen heißen Tee. Vor der großen Bäckerei gegenüber wartet schon der Chef persönlich auf die Truppe. Serdal Cavus reicht mit einer Zange frisches Gebäck über die Theke. Brezel, Sesamringe, Brot. 60 Angestellte hat der Betrieb alleine an der Sandgasse. Manchmal ziehen die Düfte nach frisch Gebackenem bis zum Marktplatz. Und das bereits seit 15 Jahren. Dennoch ist die Bäckerei für viele Offenbacher immer noch ein Geheimtipp. Andrea will jetzt ganz bestimmt öfter kommen.

Alle Teilnehmer der ungewöhnlichen Stadtführung verbindet die Leidenschaft für gutes Essen. Skeptisch sind sie dennoch: Offenbach – ein kulinarisches Kleinod? Auch Ulrike Kann wurde belächelt, als sie Freunden von der Tour erzählte. „Kulinarisches in Offenbach? Wo wollt ihr denn da hin?“ Nach drei Stunden Rundgang kann die Nordhessin, die in Frankfurt lebt, allen Vorurteilen gut informiert entgegentreten.

Im „Suriashni“ gibt es für die Teilnehmer noch einmal heißen Tee. Diesmal jedoch Chai mit Nelken, Kardamom, Ingwer und Fenchel. Serviert wird der mit viel Zucker und Milch. Im Schaufenster des indischen Ladens an der Bieberer Straße hängt ein gold- und purpurfarbener Vorhang unter dem sich indisches Spielzeug und die neusten Filmhits aus Bollywood stapeln. Im Innern duftet es nach scharfen Chilis und Gewürzmischungen, die nach fernen Ländern duften. Seit 1995 gibt es Suriashni. Brijesh Kumar kam mit seinen Eltern nach Offenbach und ist geblieben. Heute führt er den Laden, den sein Vater aufgebaut hat. Damals wie heute kommen viele Inder und Pakistani zum Einkaufen. „Die Deutschen kaufen vor allem indische Fertiggerichte und Chili“, sagt er. Offenbach ist seine Heimat geworden. Wenn er nicht gerade indische Samosas isst, verspeist er gerne mal einen hessischen Handkäse. Während die einen Teilnehmer Pakoras (Teigtaschen aus Kichererbsenmehl, Kartoffeln und Gemüse) in Minzsoße tauchen, kaufen andere ein, um die Leckerbissen zuhause nach zu kochen. „Ich hab die Minzsoße schon überall gesucht“, freut sich Anna P. Köhler.

Fröhlich verabschiedet, stapft die Gruppe durch das Grau des geschmolzenen Schnees ins italienische Viertel. An der Kreuzung Bleich- und Karlstraße landet sie irgendwo zwischen Mailand und Rom. Zumindest kulinarisch. Bei „Da Angelo“ hängen bunte Kartons mit Panettone-Kuchen von der Decke. Alia kauft Parma-Schinken, Mortadella und Brot. „Hier gibt es auch alle Ersatzteile für die kleine silberne Espressomaschine“, verrät sie.

Die kulinarische Weltreise ist noch nicht beendet. Einen Abstecher macht die Truppe noch in den marokkanischen Lebensmittelmarkt „Maghreb“ am Wilhelmsplatz. Weil Alia so schwärmt, decken sich alle erst einmal mit frischer, duftender Pfefferminze ein, bevor sie das selbst gebackene Vollkorn-Fladenbrot mit Oliven probieren. Im Kopf stellen einige Teilnehmer schon das nächste Menü zusammen: Scharfe marokkanische Würstchen mit Oliven und selbst gebackenem Brot. Dazu Mozarella von L'Abbate, Parma-Schinken und Minztee.

Historische Daten gibt es bei den „OflovesU“-Touren nur vereinzelt. Dass der Wilhelmsplatz bis 1904 ein Friedhof war, wird verraten, viel mehr jedoch nicht. Mit Respekt vor der Vergangenheit wollen die Macher vor allem einen Blick auf die Gegenwart werfen. Der Erfinder der Touren, HfG-Student Loimi Brautmann, und seine Kollegin Alia Litzbach führen Teilnehmer in die Ecken der Stadt, die es in Reiseführern wohl nicht auf die Liste der fünf interessantesten Sehenswürdigkeiten geschafft hätten. Aber gerade diese versteckten Kleinode sind es, die das Stadtbild prägen.

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