Gartenglück am Hafen

+
Seinen Feierabend beginnt der gebürtige Engländer Andrew Walker mit der Gießkanne in der Hand.

Offenbach - Familie Bhuyan hat sich eingerichtet, ziemlich in der Mitte der großen Fläche, auf der es mit jedem Tag zusehends grüner wird. Vater Shajahan ist gerade dabei, aus Schnur eine Art Dachgeflecht zu knüpfen, um Stangenbohnen daran entlang zu ziehen. Von Harald H. Richter

Töchterchen Samantha holt unterdessen Gießwasser herbei, damit Kräuter und Gemüsesorten in den aufgestellten Töpfen, Trögen und angelegten Beeten die notwendige Feuchte bekommen. Ihr zehnjähriger Bruder Fahim kümmert sich um allerlei junge Setzlinge, die Mutter fachsimpelt mit Nachbarn über Pflanzenpflege und züchterische Erfolge. Kleingartenidylle, wie man sie kennt. Nur eben nicht in einer Laubenpieperkolonie im klassischen Sinn, sondern inmitten des neu entstehenden Offenbacher Hafenviertels zwischen Nordend und ehemaligem Jachthafen.

Durch das Konzept des temporären Hafen-Gartens der Mainviertel GmbH in Kooperation mit dem Projekt „Besser leben in Offenbach“ stehen Anwohnern und Interessierten seit diesem Frühjahr rund 10 600 Quadratmeter Fläche zur Verfügung, auf der in Kisten, Säcken, Dosen und mitunter auch recht skurrilen Behältern nach Herzenslust gegärtnert werden kann. Das Projekt ist für die Dauer von mindestens zwei Jahren angelegt, dann soll im Zuge des nächsten Bauabschnitts der Campus der Hochschule für Gestaltung hochgezogen werden.

Vor zwei Monaten noch öde und leer

Vor zwei Monaten noch sah es dort eher öde und leer aus. Da war das gesamte Areal zwischen dem ehemaligen Jachthafen und dem Nordring gerade erst geräumt, dann aber wurden zwei Tipis herbeigebracht und ein Container als Basisstation sowie Materiallager aufgestellt, ein Depot für die Muttererde geschaffen und eine Wasserleitung installiert. „Die Idee, insbesondere für die Bewohner des Nordends eine grüne Oase zu schaffen, gab es schon länger“, berichtet Sabine Süßmann, die das Projekt koordiniert und zusammen mit Barbara und Dieter Levi-Wach von der Lokalen Agenda voranbringt.

Die Idee hat man gemeinsam mit den Frankfurter Landschaftsarchitekten des Büros FreiraumX entwickelt. Wichtig war den Verantwortlichen dabei, die vorhandene Struktur mit Ölhalle und dem ehemaligen Lastenkran zu berücksichtigen. Für einen alten Eisenbahnwaggon gibt es bald eine neue Verwendung: Er soll als kleines Café dienen.

Zusammen mit dem Quartiersmanagement und den Teilnehmern des runden Tischs Nordend ist nunmehr ein Ort entstanden, an dem das Gärtnern Spaß macht, und der Menschen zusammenführt, „die sich sonst vielleicht nie begegnet wären“, sagt Sabine Süßmann. Sie selbst bewirtschaftet ebenfalls eine Pflanzfläche und freut sich über die ersten reifen Gurken der Saison. Gleich nebendran hat Marcus Meuer ein kleines Beet und hofft, dass es was wird mit der Aufzucht seiner „Schwarzen Anna“, einer aus den USA stammenden Tomatensorte.

An allen Werktagen von 14 bis 19 Uhr im Garten

Meuer ist an allen Werktagen von 14 bis 19 Uhr im Garten, kümmert sich um die Ausgabe von Material und weist Interessierten freie Plätze zu, die im Übrigen kostenlos vergeben werden. Er verteilt Pflanzerde und ist auch sonst mit Rat und Tat behilflich. „Drei Sack bekommt jeder kostenlos, mit Muttererde vermischt lässt sich damit schon einiges anstellen“, sagt er. Wer mehr benötigt, kann Säcke zu 8,50 Euro das Stück zukaufen.

Ob Salat, Erdbeeren, Zucchini, Kartoffeln oder Kräuter: Was angepflanzt wird, entscheiden die Nutzer selbst. Im Handumdrehen entstehen ebenso erfindungs- wie gestaltungsreich kleine Oasen, wie die der aus Bangladesch stammenden Familie Bhuyan oder schräg gegenüber bei Andrew Walker. Der gebürtige Brite schwenkt jeden Abend nach getaner Arbeit die Gießkanne und freut sich übers eigene Fleckchen Erde. Blickfänge sind zwei von seiner Ehefrau ausgemusterte Jeanshosen, die – robust genug – nun als textile Pflanzbehälter neuer Zweckbestimmung dienen. Seinen beiden Söhnen kann Walker hier vermitteln, dass das Essen nicht im Supermarkt entsteht, sondern von der Sonne verwöhnt unter freiem Himmel wächst und gedeiht. Kürzlich kamen Verwandte aus Großbritannien zu Besuch herüber und waren ebenso überrascht wie angetan vom unerwarteten Gärtnerglück ihres Landsmanns.

Alles zum Neubaugebiet Hafen lesen Sie im Stadtgespräch

An anderer Stelle hat Kunststudentin Isabell Scheid eine von alten Basaltsteinen umsäumte Kräuterspirale angelegt. Dem Einfallsreichtum sind bei der Wahl des geeigneten Pflanzbehälters ohnehin keine Grenzen gesetzt. Ob im aufblasbaren Planschbecken, Lederkoffer oder in einer alten Badewanne – mit Erde und Saatgut gefüllt lassen sich darin Chinakohl und Kopfsalat, Kürbis, Mais und Kräuter vortrefflich züchten.

Frühlingsbilder unserer Leser

Frühlingsbilder unserer Leser

Wie erhofft, weckte das Gelände vor allem bei der Nordend-Nachbarschaft Neugier. Inzwischen haben etliche Anwohner begonnen, ihr Fleckchen des urbanen Gartens zu bewirtschaften – an die hundert Menschen aus allen Milieus und schätzungsweise rund zehn Nationalitäten sind es inzwischen, die ihren Pflanzen beim Wachsen zuschauen, gemütlich in der Sonne sitzen und auf dem Platz vor dem Container abends zusammen grillen.

Noch vor den Sommerferien legten Steppkes aus der Kita 15 sowie Mädchen und Jungen der nahen Goetheschule eigene kleine Pflanzbeete an. Unmittelbar daneben sollen noch in dieser Saison Spielgeräte aufgestellt werden, kündigt Regina Preis von der Stadtwerke Offenbach Holding an. Schließlich sollen sich alle Generationen auf dem Areal wohlfühlen können. Dazu will auch das Jugend-Kunst-Mobil beitragen, das in der dritten und vierten Ferienwoche Station im Hafen-Garten macht.

Ohnehin wünschen sich die Verantwortlichen mehr Interesse von Offenbacher Schulen am Hafen-Garten, zumal sich einiges rund um die grüne Oase vortrefflich in den Unterricht einbauen lässt. So viel Natur quasi vor der Haustür findet man schließlich nicht überall vor.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare