Gastronomen verzichten auf Prüfsiegel

Widerstand gegen Restaurant-Smiley

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Offenbach - Einst prangte es auf Mauern und Autos, auf T-Shirts und Schuhen, gedruckt, als Button, Sticker oder Aufnäher. Als der Smiley in den 80er Jahren seinen Siegeszug um die Welt antrat, galt er der Jugend als Spaß- und Protestsymbol.  Von Fabian El Cheikh

Spaß, weil er Freude versprühte. Protest, weil man ihn der Ernsthaftigkeit des Lebens entgegenhielt. Heute vor allem in Textnachrichten auf dem Handy oder im Internet quicklebendig, prangt das gelbe runde Lächeln auch wieder an einigen wenigen Türen Offenbacher Lokale. Es kennzeichnet vorbildliche Speisegaststätten, die bei Kontrollen mit gut oder sehr gut abgeschnitten haben.

Freude bereitet die positive Klebeplakette den Gastronomen indes nicht. Im Gegenteil. Das Emoticon erzeugt Protest, wenn auch keinen öffentlichen. Attribute wie „schwachsinnig“, „unverständlich“, „unnötig“ und „aufwändig“ verpassen dem freundlichen Lächeln Wirte, die lieber nicht namentlich genannt werden wollen. Viele Gaststätteninhaber, die das politisch gewollte Emblem eigentlich vom städtischen Veterinäramt zugeteilt bekommen haben, verzichten freiwillig drauf. So wurden, wie eine Anfrage der CDU an den Magistrat ergab, im Einführungsjahr 2011 lediglich elf Smileys, 2012 sogar keine verteilt. Jüngsten verfügbaren Zahlen zufolge gibt es 192 gastronomische Betriebe, die alle zwei Jahre überprüft werden, sogenannte Risikobetriebe oder Betriebe mit hoher Gästefrequenz, etwa am Wilhelmsplatz, öfter.

Smiley kennt nur Schwarz-Weiß

Besonders überrascht den CDU-Kommunalpolitiker Tobias Männche, dass im Jahr 2011 sieben Betriebe keinen Antrag auf einen Smiley stellten, obwohl sie mit gut oder sehr gut bewertet worden waren. Abgelehnt hat es etwa Youssef El Machit, der mit Giuseppe Morleo unter anderem das Tafelspitz und das Morleo am Wilhelmsplatz betreibt – zwei Vorzeigerestaurants der Offenbacher Gastroszene. El Machit empfindet das Prüfsiegel als „geschäftsschädigend und unfair“. Dadurch, dass Hygienekontrollen nur eine jährliche oder noch seltener erfolgende Momentaufnahme darstellten, spiegele der Smiley nicht wider, „ob der Gast qualitativ hochwertige Angebote erhält“. Das gelbe Logo kenne nur Schwarz-Weiß: „Der Gast weiß nicht, ob ein Lokal ohne Smiley hygienische oder gesundheitliche Mängel aufweist oder der Wirt einfach nur darauf verzichtet hat.“ Stefan Klemisch von der Brasserie Beau D’Eau kritisiert ebenfalls mangelnde Transparenz: „Abgesehen davon, dass die Gäste den Smiley ohnehin nicht wahrnehmen, wissen sie gar nicht, welche Qualitätsmerkmale zur Verleihung führen.“

Als eine von derzeit acht bekannten Speisegaststätten bedient sich die Lounge am Alten Schlachthof des Siegels. „Als vorteilhaft empfinden wir es aber nicht“, sagt Nadine Mursch von der Gastro GmbH, die das Lokal betreibt. „Es bringt weder Vor- noch Nachteile“, sei vielmehr diskussionswürdig: „Kleinste bauliche Mängel wie eine abgeplatzte Fliese am Spültisch interessieren keinen Menschen, wohl aber den Smiley.“ Gleichwohl, räumt sie ein, seien die Voraussetzungen, um diesen zu erhalten, nicht überdurchschnittlich hoch.

Warten auf bundeseinheitliche Regelung

Gar als „wettbewerbsverzerrend und nachteilig“ bezeichnet der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Hessen Offenbachs Bewertungssystem, das deutschlandweit eine Sonderstellung einnimmt. „In Berlin hat der Elite-Smiley ebenfalls für viel Wirbel gesorgt. Die meisten Kommunen aber haben bislang auf ein Bewertungssystem verzichtet und warten auf eine bundeseinheitliche Regelung.“

Dass eine solche kommen wird, damit rechnet Dehoga-Sprecher Sebastian Maier fest. „Das ist politischer Wille.“ Eine Ampelregelung ist bislang aber ebenso an der Kritik der Branche gescheitert wie eine kurzzeitig existierende Negativliste, ein Pranger im Internet, den das Hessische Verwaltungsgericht gekippt hat.

An Offenbacher Politik und Veterinäramt prallt die Kritik ab. Die Leiterin des Amts für Veterinärwesen und Verbraucherschutz, Karin Haßinger, kündigt an, das Vorzeigeprojekt sogar ausweiten zu wollen auf Firmen, die Lebensmittel verarbeiten – etwa Großküchen und Caterer. Der Smiley werde dann gestoppt, wenn bundes- oder landesweit ein anderes Bewertungssystem beschlossen wird. „Das jetzige ist ein Anreiz für Gastronomen, sich weiter zu entwickeln.“

Mit Lob zur Leistung – das empfiehlt auch Männche, dessen Partei den Smiley mit eingefordert hatte: „Die Prüfer sollten die Gastronomen davon überzeugen, dass der Smiley ihnen zu Gute kommt und von großem Interesse für Verbraucher ist.“ Ob ihnen das gelingen wird? Die Wirte jedenfalls sind überzeugt, dass ein Gast sauber geführte Betriebe auch so erkennt. Und mit einem freundlichen Lächeln werde man dort ohnehin stets begrüßt.

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