Trockengelegtes Gebäude in Luisenstraße

Wasser aus Moschee und Kiosk, Ratten im Keller 

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Ein Einblick in das Haus.

Offenbach - Das trockengelegte Gebäude an der Luisenstraße 24 ist baulich in miserablem Zustand. Seit Mitte Februar behelfen sich Bewohner mit Wasser aus Kanistern und Flaschen. Auch Nachbarn sorgen sich: Ratten machen sich breit. Von Jenny Bieniek 

Die Fronten sind verhärtet, eine Lösung ist noch nicht in Sicht. Seit Februar leben die Bewohner der Luisenstraße 24 ohne fließendes Wasser. Die EVO hat die Leitungen gekappt, weil Außenstände von zirka 30.000 Euro nicht bezahlt sind. Auch Nachbarn bekommen die Auswirkungen zu spüren. Den Bewohnern selbst scheinen derweil die Hände gebunden. Als Sabine Albrecht-Eflanli mit ihrer Familie im Oktober vergangenen Jahres in das Nachbargebäude der Luisenstraße 24 zog, ahnte sie noch nicht, dass die Zustände nebenan auch für sie nicht ohne Folgen bleiben würden. „Ich wusste um das Nachbarhaus, hatte mir aber nicht vorgestellt, dass die Ratten tagtäglich an der Straße entlang laufen“, erzählt sie.

Aus unserer Zeitung erfuhr sie wenige Monate später, dass den Bewohnern wegen offener Rechnungen des Inhabers der Hahn abgedreht wurde. Seitdem versuchte Albrecht-Eflanli vergeblich, die Behörden zum Handeln zu bewegen. „In diesem Haus leben alte Leute und viele Kinder. Das kann man doch nicht hinnehmen“, sagt sie. Ihre Vermieterin habe wegen der Zustände in Nummer 24 schon Kosten zu beklagen gehabt. Ein vor einiger Zeit entstandener Wasserschaden brachte auch im Nachbarhaus feuchte Wände mit sich. Weil der in der Türkei lebende Besitzer der Immobilie aber für niemanden greifbar scheint, blieb sie auf Anwalts- und Reparaturkosten sitzen.

Hinzu kommt Sorge über sich vermehrende Ratten. Fünf Mal schon seien wegen der sich auf den Nachbarhof ausweitenden Rattennester Schädlingsbekämpfer angerückt. Die hätten ihr kaum Hoffnung gemacht, erinnert sich die Nachbarin. Solange die Tiere an den Mülltonnen nebenan ein Buffet fänden, fühlten sie sich wohl...

Traurig und menschenunwürdig

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Zumindest das Müllproblem scheint inzwischen gelöst. „Auf meine Hinweise zeigten sich die Bewohner sehr einsichtig“, sagt die Mutter zweier Kinder. Sie versteht nicht, wieso das Haus noch immer bewohnt ist. „Die Menschen da drin sind eingeschüchtert, ihre Situation ist traurig und menschenunwürdig“, findet sie. Albrechts Anfragen beim Integrationsfachdienst blieben erfolglos. Auf mehrmalige Anrufe kam schließlich ein Mitarbeiter des Ordnungsamts vorbei. Seine Reaktion: ernüchternd. „Er sagte, er hätte schon Schlimmeres gesehen und könnte erst eingreifen, wenn eine Seuche ausbricht.“ Albrecht-Eflanli will das nicht glauben. „Es scheint niemanden zu interessieren“, ärgert sie sich. Für sie ist der Fall klar: Ein Haus ohne Wasserversorgung sei unbewohnbar, müsse sofort geräumt werden. „Die Behörden aber scheuen die Kosten“, glaubt sie. Dabei hatte die Stadt bereits im Februar verlauten lassen, auch das Umfeld schützen zu wollen. Über Insider im Bekanntenkreis will sie zudem erfahren haben, dass selbst die zuständigen Sozialarbeiter wegen der Kakerlaken nicht mehr vorbei kämen.

Zwischen 40 und 50 Menschen aus aller Herren Länder leben derzeit in der Luisenstraße 24, darunter 16 Kinder, berichten kurz darauf drei der Bewohner. Wasser für den täglichen Bedarf holen sie in Kanistern und Flaschen an einem Kiosk in der Nachbarschaft, in der Moschee, bei Freunden oder eben im Discounter. Wenn möglich, nutze man Toiletten außer Haus. Zwei Familienväter gewähren unterdessen Einblick in ihre Wohnungen. Überall stehen Kanister und Wasserflaschen. Vor allem für die Schulkinder sei die sparsame Katzenwäsche belastend, erzählt einer. Er arbeite in der Gepäckabfertigung am Flughafen, seine Frau in einem Restaurant.

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Im Keller wimmele es von Ratten, sogar die Treppe hinauf zur Wohnungstür seien sie schon gekommen. Ausländerbehörde und Polizei hätten bereits vorbeigeschaut, aber niemand habe reagiert. Auch ein gemeinsamer Rundbrief der Bewohner an Jugend-, Sozial-, Bauaufsichts-, Wohnungs- und Stadtgesundheitsamt habe keinen Erfolg gebracht, so ein anderer in gebrochenem Deutsch.

Bei der EVO habe man vorgesprochen und Zahlungen angeboten. Doch in puncto Wasseranschluss könne nur der Eigentümer der Immobilie handeln, hieß es. Er müsse zunächst Schulden begleichen. Behörden rieten unterdessen stets dazu, sich eine neue Wohnung zu suchen. Doch die Bewohner wissen längst, dass das nicht einfach ist: „Vermieter wollen Lohnabrechnungen sehen, und ich verdiene leider nicht viel.“

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