Geballte Wut der Bürger

Offenbach - Zu viel Verkehr. Zu viel Lärm aus der Luft und von den Straßen. Zu wenig Platz zum Parken und zu wenige Busverbindungen nach Bieber. Von Katharina Skalli

Die Anwohner der Lichtenplatte und des Bieberer Bergs haben eine ganze Liste an Problemen und Fragen mitgebracht ins Gemeindehaus der Dreifaltigkeit, in das Oberbürgermeister Horst Schneider zur Diskussion gebeten hat.

„Der OB vor Ort“ nennt sich der Austausch zwischen Bürger und Verwaltung, der meist gerne mit einem netten Plausch über Land und Leute beginnt und hin und wieder in einem aufgeregten Meinungsaustausch endet. Mit den Worten „Feuer frei! Wo drückt der Schuh?“ ermuntert Schneider die knapp 50 Besucher zur Diskussion.

Wer glaubt, auf dem beschaulichen Buchhügel sei die urbane Welt noch in Ordnung, der irrt. Vom Wetterpark im Westen und dem Reihenhäuschencharme Tempelsees im Süden kuschelig eingerahmt, fühlt sich das Gebiet vom Verkehr aus dem Osten zunehmend bedrängt, der von der B 448 nördlich durch das Quartier geleitet wird.

Vieles kann das Stadtoberhaupt selbst erklären

„Wohnen wird hier zur Zumutung“, schimpft eine Anwohnerin in Richtung Horst Schneider, der ob der geballten Bürgerwut zu seiner Verstärkung Fachleute mitgebracht hat: Peter Weigand, Leiter des Ordnungsamtes, Rainer Buck vom Amt für Stadtplanung und Baumanagement sowie Heiko Linne vom ESO sollen helfen, wenn konkretes Fachwissen gefragt ist.

Ihr Einsatz hält sich dieses Mal jedoch in Grenzen. Vieles kann das Stadtoberhaupt selbst erklären. Schneider erläutert die Idee der Pförtnerampeln, die irgendwann den Verkehrsraum Offenbach entlasten sollen, berichtet von den Plänen zur Sanierung der Schulen auf dem Buchhügel, die bereits umgesetzt werden, sowie von dem geplanten Neubau des Polizeipräsidiums.

Das neue Sportzentrum hat auch negative Auswirkungen

Einige Besucher befürchten dadurch jedoch noch mehr Autos, noch mehr Lärm und noch weniger Parkplätze in ihrem Viertel, das auch Heimat des Oberbürgermeisters ist. Seit seiner Kindheit hat sich viel verändert zwischen Bieber und dem Anlagenring. Die aktuellsten Veränderungen: Das im Sommer fertig gestellte Sportzentrum „Am Wiener Ring“ und die Stadion-Bauarbeiten auf dem Bieberer Berg. Beides erwähnt Horst Schneider anerkennend. Als Sportdezernent freut er sich über die Projekte, doch für die Anwohner rund um den Waldpark hat das neue Zentrum auch negative Auswirkungen.

„Durch das neue Sportgelände haben wir nur noch Krach“, beschwert sich eine Bürgerin. Sie wünscht sich Hinweisschilder, damit die Nutzer den Weg zum offiziellen Parkplatz finden, der von der Bieberer Straße aus zu erreichen ist, und nicht mehr vor ihrer Haustür parken. Die Hinweisschilder seien bereits montiert, versichert Rainer Buck. Jedoch: „Einen Zustand wie vorher bekommen wir nicht hin“, sagt Schneider. „In einer Großstadt ist das Leben immer ein Kompromiss.“ Wer Kultur, Sport und Infrastruktur vor der Tür wolle, müsse Verkehr in Kauf nehmen.

„Wir wohnen an einer Stadtautobahn“

Diesen wollen viele der Anwesenden jedoch gerecht verteilt wissen. „Wird die Mainstraße für Lkw gesperrt?“, möchte eine Bewohnerin des Viertels wissen und fordert eine klare Aussage, wie die Fahrzeuge dann umgeleitet werden. Sie hat Angst, dass dadurch die Rhönstraße noch mehr belastet werden könnte. „Wir wohnen an einer Stadtautobahn“, schildert sie. Viele Gespräche habe sie geführt und wisse daher, dass sich Mieter und Hausbesitzer allein gelassen fühlen. „Die haben alle keine Lust mehr.“

Geduldig lauscht Horst Schneider dem Ärger geprägten Vortrag, nickt, wiegt den Kopf, legt den Zeigefinger ans Kinn. Verkehrsberuhigende Maßnahmen müssten sein, die Mainstraße jedoch komplett für Lastwagen zu sperren, sei nicht geplant.

Das beruhigt die immer noch skeptische Dame ein wenig. „Die Rhönstraße wird nicht entlastet, wenn die Mainstraße nicht gesperrt wird“, zeigt Schneider aber auch Einsicht. Er sieht die Lösung des Verkehrsproblems in der Behinderung des Durchfahrtsverkehrs und in einem verbesserten Angebot des Öffentlichen Personennahverkehrs. Die Stimmung im Gemeindesaal verschärft sich mit fortgeschrittener Stunde.

Horst Schneider verspricht Ideen zur Verbesserung der Situation mit ins Rathaus zu nehmen

„Die Untere Grenzstraße ist menschenverachtend“, wirft ein wütender Bürger ein. Wenig Grün, heruntergekommene Häuser, zu viel Verkehr – er und seine Nachbarn hätten Angst, dass das Areal zum Industriegebiet wird. Nicht nur er, auch andere Zuhörer werden lauter, machen ihrem Ärger Luft, nutzen die Chance, dem Oberbürgermeister persönlich zu sagen, dass sie ihre Interessen vernachlässigt sehen.

Horst Schneider hat sein Jackett abgelegt und die Ärmel hochgekrempelt. Auch ihm ist warm geworden. Und doch bleibt er vor dem Tisch, hinter dem er sich hätte verstecken können, stehen, gibt sich gekonnt offen und bürgernah und hebt auch mal die Stimme, wenn er sich zu Unrecht angegriffen fühlt. Er warnt vor einem „Tunnelblick“ und verspricht Ideen zur Verbesserung der Situation mit ins Rathaus zu nehmen.

Für so manchen kommt diese Bereitschaft zu spät. Der Entschluss eines Besuchers, sein Haus auf dem Buchhügel zu verkaufen, stehe fest. Doch Vieles sei auch gut, versichert ein Bewohner. Das temporäre Parkverbot am Waldpark während der Heimspiele des OFC etwa habe Entlastung gebracht. Wenn man jetzt noch ohne Flug- und Verkehrslärm überall einen Parkplatz finden würde, wären die Offenbacher noch so richtig glücklich.

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