Die Geburt eines Stadtteils

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Die Stadtwerke Offenbach wollen „An den Eichen“ 110 Grundstücke verkaufen und den schlechten Ruf des Viertels vergessen machen.

Offenbach ‐ Die Buslinie 103 bedient einen grenzüberschreitenden Verkehr. Sie beginnt in Frankfurt-Bornheim und endet in Mühlheim. Alle halbe Stunde aber biegt ein Bus der Linie 103 am Neuen Friedhof ab mit Ziel und Endstation „An den Eichen“. In der Regel bringt er allerdings niemanden dorthin. Von Lothar R. Braun

Dann entsteigt ihm allenfalls der Fahrer, um sich in seiner Ruhepause die Füße zu vertreten. „An den Eichen“ erlebt gerade ein neuer Stadtteil seine Geburt, und Geburten haben in der Regel keine Öffentlichkeit.

Weit entfernt säumen Waldränder und Kleingärten ein ausgedehntes Areal, in dem sich hier und da eine Baustelle verliert. Der Blick schweift frei über eine Leere, in der sich zaghaft und verstreut erstes Leben äußert. Gleichwohl verbietet es sich, von einem Brachland zu reden. Denn es ist ja schon nahezu alles da: erste Bewohner, Straßen und Parkplätze.

Die Straßenbeleuchtung funktioniert, wo noch keiner sie benötigt außer Fuchs und Hase. Ansprechende Spielplätze ohne Kinder, saubere Ruhebänke, auf denen niemand ruht. Aufragende Schächte zeigen an, dass die Kanalisation bereitsteht. Reinliche Abfallkörbe haben noch niemals Abfall gesehen. Junge Bäumchen tragen noch ein hölzernes Korsett. Die Braut hat sich geschmückt für eine Hochzeit, die so schnell nicht enden wird.

Als habe es nie eine bewohnte Vergangenheit gegeben

Noch wirkt das alles wie in unberührte Natur gesetzt. Als habe es hier nie eine bewohnte Vergangenheit gegeben. Hier soll einmal das „Mariothgelände“ (Um 1900 gründete Unternehmer Jakob Latscha die Grundstücksgesellschaft Marioth. Damit wollte er Wohneigentum für den kleinen Mann fördern.), gewesen sein, das man ohne Not nicht betrat und in dem Generationen von Sozialarbeitern sich ablösten? Mit Adressen, die an den Bewohnern wie ein Brandmal hafteten? Und denen man dann den Namen „Stadtteil Lohwald“ anklebte, in der naiven Erwartung, ein Namenswechsel könne alles ändern.

Nichts erinnert mehr daran. Keine Spuren sind davon geblieben. Der Stadtteil „An den Eichen“, ursprünglich konzipiert für 1200 neue Bewohner, scheint keinerlei Vergangenheit zu haben, so jung wie er auftritt. Falls er doch einmal eine gehabt haben sollte, dann haben die Planer die Vergangenheit lückenlos ersetzt durch Zukunft. In Konstanz am Bodensee finden Touristen es lustig, dass es dort einen Stadtteil mit dem schönen Namen „Paradies“ gibt. Offenbach hat jetzt einen, der „Hoffnung“ genannt werden darf.

Ikea bedient Hoffnungen bauwilliger Familien

Bislang hätte sich die gut möblierte Ödnis als Kulisse eines phantastischen Films nutzen lassen. Die Szenerie wird sich jedoch vermutlich schnell ändern, wenn nun Ikea mit seinen Einfamilienhäusern (BoKlok) die Hoffnungen bauwilliger Familien bedient. Dann wird man irgendwann erzählen: „Ich habe das noch gesehen, als dort überhaupt noch nichts stand“. Dann besteht die Vergangenheit aus dem heutigen Bild. Was ihr irgendwann vorangegangen sein mag, wird sachte aus dem Gedächtnis schwinden.

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