In Kliniken der Region setzen Hebammen und Ärzte wegen der Pandemie auf Online-Kurse

Geburtsvorbereitung per Video-Chat

Die Corona-Pandemie stellt Hebammen und schwangere Frauen vor neue Herausforderungen: Die Geburtsvorbereitung läuft, anders als hier gezeigt, jetzt weitgehend kontaktlos ab.
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Die Corona-Pandemie stellt Hebammen und schwangere Frauen vor neue Herausforderungen: Die Geburtsvorbereitung läuft, anders als hier gezeigt, jetzt weitgehend kontaktlos ab.

Schwangeren-Yoga per Videokonferenz, Geburtsvorbereitungskurse über Zoom, Online-Infoabende für werdende Eltern. Was vor einem Jahr wohl noch für utopisch gehalten wurde, ist seit Beginn der Corona-Krise und den damit verbundenen Auflagen gängige Praxis – auch in den meisten Kliniken der Region. Wie gut funktioniert eine solche digitale Vorbereitung auf die Geburt mit nur minimalem persönlichem Vor-Ort-Kontakt zwischen werdenden Eltern und Hebammen, Ärztinnen und Ärzten?

Offenbach –Ist die digitale Geburtsvorbereitung vielleicht sogar mehr als eine Notlösung – und die „digitale Hebamme“ ein Berufsbild der Zukunft? Wir haben in den Kliniken in Offenbach, Hanau und Langen nachgefragt, wie sie in Zeiten des Lockdowns mit den neuen Herausforderungen umgehen, und wie sie ins Digitale umsteigen.

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie gelten in den Krankenhäusern strenge Zugangsbeschränkungen. Auch im Offenbacher Ketteler Krankenhaus werde grundsätzlich versucht, persönliche Kontakte kleinzuhalten, sagt Peter M. Baier, Chefarzt der Frauenklink. Das betreffe auch die schwangeren Frauen, die sich auf ihre Entbindung vorbereiten. „Eine Patientin kommt nur dann ins Krankenhaus, wenn es wirklich sein muss“, sagt Baier.

Offenbacher Ketteler Krankenhaus wegen Corona schon vor Monaten auf digitale Plattformen umgestiegen

Die Angebote zur Geburtsvorbereitung wurden deshalb vor einigen Monaten ins Internet verlegt: Schon den Infoabend, der werdenden Eltern bei der Entscheidung für eine Klinik helfen soll, halten der Arzt und die Hebammen per Video-Konferenz ab. „Mithilfe einer Powerpoint-Präsentation machen wir einen virtuellen Rundgang, wie und wo die Geburt bei uns stattfindet, und die Besucher lernen so einen Teil unseres Teams kennen“, erzählt Beate Raven, Hebamme und Leiterin der Elternschule am Ketteler.

Obwohl der virtuelle Aspekt ihres Berufs noch sehr neu ist, findet die Hebamme, dass die Online-Geburtsvorbereitung im Video-Chat bisher ganz gut klappt: Vor der Kamera würden in den Online-Kursen unter anderem Atem- und Entspannungstechniken erklärt oder Massagen angeleitet. Die Paare können dann zu Hause mitüben. „Gerade das Atmen wäre bei einem Treffen vor Ort mit Maske ja gar nicht möglich“, sagt Beate Raven.

Auch in der Asklepios Klinik in Langen hält man die Online-Kurse für eine „derzeit sehr sinnvolle Alternative“. Zum Kennenlernen gibt es ähnlich wie in Offenbach einen Online-Elterninfoabend via Skype. Zusätzlich wird aber auch noch ein persönliches Gespräch mit den werdenden Eltern in der Klinik angeboten. Am Klinikum Hanau plane man die Verlegung der Elterninfoabende auf Zoom, sagt die Leitende Hebamme Vanessa Schwade: „Geplant ist der Start ab Ende Februar.“ Die Geburtsvorbereitungskurse laufen derweil an beiden Kliniken coronabedingt schon seit einiger Zeit übers Internet.

Erst seit Beginn der Pandemie dürfen Hebammen Online-Kurse abrechnen

Überhaupt möglich sind solche digitalen Angebote zur Geburtsvorbereitung und zur Rückbildung erst seit Anfang der Pandemie, wie Ursula Jahn-Zöhrens, Präsidiumsmitglied im Deutschen Hebammenverband, erklärt. Zwar sei die Digitalisierung in Gesundheitsberufen schon seit Längerem ein großes Thema. Aber erst mit der Pandemie sei richtig Schwung in die Entwicklung gekommen.

Seit einigen Monaten können die Hebammen nun auch Online-Kurse bei den Krankenkassen abrechnen. Allerdings müssten sie dafür strenge Vorgaben einhalten: In den Verträgen mit den Krankenkassen seien etwa die Größe des Kurses, die technische Ausstattung und die Prämisse festgehalten, dass der Online-Kurs live abgehalten wird – also keine Aufzeichnung ist.

Virtuelle Geburtsvorbereitung auch nach Corona nicht mehr wegzudenken

Die digitalen Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse seien in der Zukunft –auch nach Corona – nicht mehr wegzudenken, glaubt Ursula Jahn-Zöhrens. „Ein großer Vorteil ist, dass zum Beispiel eine Schwangere von München aus jetzt an einem Kurs in Hamburg teilnehmen kann. Da tauschen sich die Hebammen untereinander schon aus”, sagt sie. Außerdem seien die Hebammen in der Ausübung ihrer Arbeit flexibler, wenn sie von zu Hause aus Kurse geben können.

Im Sana Klinikum Offenbach ist die Leitende Hebamme Angela Rupp nicht restlos überzeugt von den Möglichkeiten einer virtuellen Geburtsvorbereitung: Seit dem Lockdown im März 2020 hätte eine Kollegin, die mittlerweile selbst in Mutterschutz ist, zwar Online-Kurse per Video angeboten. Derzeit gibt es solche Angebote am Klinikum aber nicht. Manche Dinge könnten übers Internet einfach nicht so gut vermittelt werden, gerade wenn es um Massagen oder Themen wie die Geburtsposition gehe, findet Angela Rupp.

Bis kurz vorm Lockdown im Dezember wurden am Sana Klinikum noch Präsenzkurse nach den Hygiene- und den damals geltenden Kontakt-Regelungen abgehalten. „Schon das war anders“, sagt die Hebamme. Dadurch, dass sie beispielsweise die Frauen bei den Übungen nicht anfassen durfte, sei die Kommunikation „unpersönlicher“ und weniger „intim“ geworden, bedauert Rupp.

Kritische Stimmen: Persönlicher Kontakt zu werdenden Eltern fehlt

Der persönliche Kontakt fehlt – das findet auch Beate Raven, die schon seit 30 Jahren als Hebamme arbeitet: „Der Beruf lebt von der Berührung, dem offenen Gespräch, der persönlichen Nähe, die sich auch mal im gemeinsamen Lachen oder eben auch im Mittragen von schwierigen Situationen zeigt.“ Bei den Online-Kursen höre man keine Zwischentöne, also alles, was man normalerweise am Rande in einem privaten Gespräch mit den Frauen und Paaren erfahren würde. Ist die digitale Geburtsvorbereitung also doch nicht mehr als eine Notlösung? „Sie ist mit Sicherheit ein Medium, das wegfällt, wenn Corona vorbei ist. Ich denke, es ist vor allem ein Tool in der Krise“, sagt Raven.

Ganz unkritisch sieht auch Ursula Jahn-Zöhrens die plötzliche Verlagerung der Geburtsvorbereitung in den virtuellen Raum nicht – vor allem wegen der rechtlichen Grundlage: Die Sondervereinbarungen mit den Kassen, in denen aufgrund der Corona-Krise unter anderem die Abrechnung von Online-Kursen geregelt wurde, seien immer nur befristet auf wenige Monate – was den Hebammen keine Planungssicherheit gebe. Ungerecht sei auch, dass die Krankenkassen anderen, privatwirtschaftlichen Anbietern von Online-Geburtsvorbereitungskursen weniger strenge Vorgaben machten; deren Kurse müssten zum Beispiel nicht live stattfinden.

Beim Thema Datenschutz keine einheitlichen Vorgaben

Und auch datenschutzrechtliche Unsicherheiten stehen noch im Raum – besonders, was die Wahl der Plattform für den Videochat angeht. Ob lieber Zoom, Skype oder ein anderes Programm? Dazu könne der Hebammenverband keine Empfehlung abgeben. Jahn-Zöhrens: „Wir appellieren an die Einhaltung des Datenschutzes, darauf muss die Kursleiterin das verwendete Programm hin überprüfen.“ Dass der digitale Wandel in dem Beruf jetzt Hals über Kopf passiert, sei vor allem einem Naturgesetz geschuldet: Eine Geburt lässt sich nun mal nicht beliebig auf einen Zeitpunkt nach Corona verschieben.

» Der Landesverband der Hessischen Hebammen bietet am 19. Februar ein Webinar mit dem Titel „Fit für Online-Kurse – Workshop zum Umgang mit Zoom“ für Hebammen an (www.hebammen-hessen.de).

Von Lisa Berins

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