Gedanken an Rückkehr

Offenbach ‐ Sie hat so viel erlebt und durchgemacht, wie andere kaum in zwei Leben schaffen würden: Saliha Scheinhardt. Von Veronika Szeherova

1950 in der anatolischen Stadt Konya geboren und 1967 nach Deutschland ausgewandert, ist sie heute eine der bedeutendsten Autorinnen deutscher Migrationsliteratur. Am Samstagabend hatte sie im Bücherturm der Stadtbibliothek ein Heimspiel, las aus ihrem noch unveröffentlichten Romans „40 Jahre Frau sein und fremd in Deutschland“.

Schilderung einer Kindheit in ärmlichen Bedingungen

Vor einen kleinen, familiär-gemütlichen und hauptsächlich weiblichen Publikum las sie zunächst ausgewählte Passagen vor. Das neue Werk erzählt, wie es ist, unter ärmlichen Bedingungen als vierte Tochter in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen zu sein, dann durch Zufall einen deutschen Studenten kennen gelernt und geheiratet zu haben und fortgegangen zu sein in eine fremde Welt. Vom Gefühl, weder hier noch dort eine Heimat zu haben, sich als halber Mensch zu fühlen, angefeindet zu werden, kämpfen zu müssen. Von ihren beruflichen Stationen - von der Textilarbeiterin zur Serviererin, von der Lehrerin zur promovierten Universitätsdozentin. Wie sie sich mühsam Freiheit erkämpfen musste. „Der Preis der Frauen für Freiheit ist Einsamkeit“, stellt sie fest.

Es ist eine bodenlose Ungerechtigkeit, dass Menschen wegen Arbeit und Brot woanders leben und sterben müssen“, schreibt Scheinhardt. Sie selbst hat sich dagegen entschieden, hier sterben zu müssen. Mittlerweile lebt Scheinhardt in Ankara. „Hier war ich meines Lebens nicht mehr sicher“, sagte sie mit trauriger Stimme. Und erzählte, wie 1996 eine Lesung in Maintal von rechtsradikalen Jugendlichen heimgesucht wurde, die, wie die Polizei später feststellte, 13 Tränengasbomben unter den Heizkörpern versteckt hatten.

Emotional, ergreifend, aufrüttelnd

Minutenlang herrschte Stille, nachdem Scheinhardt die Lesung beendet hatte. Ihr Vortrag war hoch emotional, ergreifend, aufrüttelnd. „Ich glaube, das müssen wir jetzt erst mal sacken lassen“, meinte eine Besucherin.

In der Diskussionsrunde gab es entsprechend viel zu reden. Davon, wie ihre Ehe nach und nach kaputt ging. Von ihren Bemühungen, als Hauptschullehrerin in der norddeutschen Pampa von der Bevölkerung akzeptiert zu werden. Wie sie ihr Gefühl nicht loswerden konnte, „eine Plage für ihre Mitmenschen zu sein.“ Wie es war, sich als Dolmetscherin bei Gerichtsprozessen gegen ihre Landsleute wie eine Verräterin zu fühlen. Und nur kurze Lehr- und Forschungsaufträge zu haben, finanziell immer am Limit. Vollgestopft mit Psychopharmaka in der geschlossenen Psychiatrie zu landen, Endstation.

Erste ausländische Stadtschreiberin in Deutschland

In der tiefsten Krise fing ich mit dem Schreiben an“, so Scheinhardt, „und schrieb drei Monate unentwegt durch.“ Im Jahr 1985, als sie an der Karlsruher Universität promovierte, ereilte sie ein Ruf vom damaligen Offenbacher Kulturdezernenten Ferdinand Walther. Sie wurde die erste ausländische Stadtschreiberin in Deutschland, bewohnte die dazugehörige kleine Schriftstellerwohnung. Später lebte Scheinhardt in der Eberhard-von-Rochow-Straße. „Es gibt kaum eine Stadt, in der ich es länger als drei oder vier Jahre ausgehalten habe“, sagte die Autorin. „Offenbach ist eine rühmliche Ausnahme.“ Auch nach jahrelanger Abwesenheit fühle sie sich hier wohl. „Es ist mir schön vertraut hier. Warum sollte ich nicht wieder hierher ziehen?“ Applaus im Bücherturm.

Seit 30 Jahren schreibt sie nun auf Deutsch. „So lange habe ich auch gebraucht, um meinen Stil zu finden“, sagte Scheinhardt. „Auf Türkisch kann ich das einfach nicht.“ Auch könne sie sich ein Leben nur mit einer Kultur nicht vorstellen, da beide tief in ihr verankert seien. „Das wäre wie ein Vogel ohne Flügel zu sein. Man kann nicht fliegen.

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