Geduld als erstes Erfolgsrezept

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Nils und Helena hatten sichtlich Spaß in der Lehrküche. Die Geschwister lernten auf spielerische Weise, woher die Schokolade kommt, wie sie hergestellt wird und was man alles Tolles damit anfangen kann.

Offenbach ‐ Angewidert verzieht Nils das Gesicht. „Bitter“, befindet er und greift zum Wasserglas. So hatte der Neunjährige sich das erste Geschmackserlebnis an diesem Sonntagnachmittag nicht vorgestellt. Von Barbara Hoven

Merke: Eine Kakaobohne im Rohzustand hat noch nicht viel zu tun mit Kakaopulver oder Schokolade aus dem Supermarkt. Hat Nils nicht gewusst, bis eben. Auch deshalb sind sie hierher gefahren aus Friedberg. Nils und Helena und Carsten, der Vater. Ist zwar eigentlich für Kinder, der Schokoladenkurs in der Lehrküche der Offenbacher Volkshochschule. Aber Mirian Rocha Pinkowski, was jetzt mal wirklich ein spannender Name ist, hat auch gerne mindestens einen Papa oder eine Mama mit an Bord.

Ist ja kein Kinderkram, das Schokolademachen, schon wegen der ganzen Gerätschaften. Da will der Herd beherrscht sein, um das, was Nils gleich als Kuvertüre kennen lernt, im Wasserbad zu schmelzen. Dort muss das große Messer ran, um weiße Schokolade für die Dekoration kleinzukriegen. Und wenn es gegen Ende darum geht, heiße Schokomasse von einer Form in die andere zu füllen, zählt jedes erwachsene Auge.

Arbeitstemperatur liegt bei 32 Grad

Schokolade ist die Leidenschaft der 38-jährigen Brasilianerin Mirian, die vor neun Jahren der Liebe wegen nach Deutschland kam. Sie ließ sich drei Jahre an einer hochkarätigen Pariser Schule ausbilden, machte ihre Passion zum Beruf. Nicht lange her, da eröffnete sie in Dreieich einen Schokoladenladen, den sie Atelier nennt, weil aus Kakao Kunst werden kann, wenn man es nur richtig anstellt. Um „Leute zu treffen, die meine Leidenschaft teilen“, zeigt Mirian seit Jahren an der Offenbacher und anderen Volkshochschulen, wie man Schokolade herstellt.

Wie jetzt. Und weil Ostern vor der Tür steht, sind heute nicht nur Schokoladentafeln und Trüffel, sondern auch Hasen und Eier im Programm. Papa Carsten rührt engagiert in braunen Bröseln herum, die im Wasserbad langsam zur glänzenden Masse werden. Der Sohnemann prüft mit dem Thermometer, wann die nötigen 55 Grad erreicht sind. Mehr wäre schlecht, weniger sind erst später wieder gefragt – die Arbeitstemperatur liegt bei 32 Grad. Die Patisserie ist eine exakte Wissenschaft, für die man vor allem „gute Zutaten und Geduld braucht“. Dann wagt sich Helena an die Hasenform. „Damit die Konturen perfekt erkennbar werden, solltest du die erste Schokoschicht mit dem Pinsel auftragen“, rät Mirian. Helena trägt auf, und als sie danach die glänzend braune Masse Kelle für Kelle in die Form gießt, wächst beim Papa die Naschlust. „Endlich mal ein massiver Hase, nicht so ein 20-Gramm-Tier“, freut sich Carsten. Damit der Hase später keine Luftblasen im Bauch hat, muss Helena von allen Seiten gegen die Form klopfen. Fertig, fast. Bevor das Werk von den Zähnen kaltgemacht werden kann, muss es in den Kühlschrank.

Schmelzen, Messen, Rühren

Heute sind nur sechs Leute im Kurs, aber die Küche ist ein Schoko-Schlachtfeld. Mirian macht rasch ein bisschen sauber, „damit wir wieder starten können, Schweinerei zu machen“. Eine Spülmaschine sucht Helena vergebens. „Es gibt keine, meine Süße, die Spülmaschine ist dein Papa“, sagt Mirian genüsslich. Zu spülen wird es noch reichlich geben, denn nach den Grundlagen, der Tafelschokolade, steht der Sinn nach höheren Weihen: Für „Verrückte Schokoladen-Trüffel“ steht wieder Schmelzen, Messen, Rühren an, doch diesmal wird die Masse zu kleinen Kugeln gerollt. Um die zu verzieren, hat Mirian Schokostreusel, bunte Blümchen, Krokant und Pistazienkrümel bereitgestellt. Da bleibt kein Pullover sauber und schon gar kein Finger.

Eine gute Stunde dauert das noch, bis Mirian endlich Vollzug meldet. „Leute, ich hab eine gute Nachricht, die Schokolade ist fertig“. Tüten und Etiketten liegen schon parat, damit jedes Kind Tafeln und Trüffel mitnehmen kann. Nur Helenas Hase, der bleibt gleich draußen. Schließlich sind alle neugierig, ob das Ergebnis ihrer Arbeit mundet. Nils nimmt als erster ein großes Stück. Er verzieht wieder das Gesicht, doch diesmal gehen seine Mundwinkel nach oben. „Lecker“, ruft er in die gefräßige Stille hinein.

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