Zu lange Wartezeiten

Geduldsprobe im Bürgerbüro

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Viel Zeit mitbringen muss, wer im Bürgerbüro etwas zu erledigen hat. Der Ansturm ist momentan kaum noch zu bewältigen.

Offenbach - Die schöne Note 1,8 eines bundesweiten Bürgerbüro-Vergleichs (2008) wäre für Offenbachs zentrale Anlaufstelle nicht mehr drin. Von einstmals durchschnittlich 16 Minuten Wartezeit können die Kunden heute nur träumen. Von Thomas Kirstein

Bisweilen sind zwei Stunden ein guter Wert, die Warteschlange erstreckt sich auch schon mal über den Hugenottenplatz bis zum Kaufhaus C&A. Zunehmend verweigern sich Offenbacher der Geduldsprobe, verschieben lieber ihre Erledigung und Klagen.

Die Offenbacherin Inge Falb-Siemon stand Anfang August in einer Schlange, die unter freiem Himmel bis zum Spielplatz im Platanenhain reichte. Um 16 Uhr hatte sie sich angestellt, um 18.30 Uhr (geöffnet ist dienstags bis 18 Uhr) durfte sie endlich die Gebühr für die Beantragung ihres neuen Personalausweises entrichten. Andere kamen gar nicht zum Zug. Bereits um 17.10 Uhr hatte der Sicherheitsdienst weiteres Anstellen freundlich, aber bestimmt unterbunden.

Ein ganz großes Lob spendiert die Offenbacherin indes den „Damen und Herren, die den Andrang bewältigen müssen und die unterschiedlichen Anliegen „freundlich und kompetent bearbeiten“. Ingrid Falb-Siemon war übrigens jeweils im März, April, Mai und Juni schon mal da, verzichtete aber angesichts der vielen Wartenden und hoffte auf bessere Zeiten.

„Durchgangslager für Menschen aus aller Welt“

An die erinnert sich der Offenbacher Rainer Wilkus: „In den Anfangszeiten dieses Bürgerbüros hat alles sehr gut geklappt, und man war verwundert, wie schnell und effizient dort gearbeitet wurde. Und heute? Lange Warteschlangen bis hinein in den Hugenottenplatz.“ Das Bürgerbüro sei offensichtlich keines mehr, sondern ein „Durchgangslager für Menschen aus aller Welt, die es dafür nutzen, Autos in alle Welt zu überführen“. Auch Wilkus’ Mitgefühl gilt den dort arbeitenden Menschen.

Schon Anfang Juli hatte Amtsleiterin Martina Fuchs darum gebeten, wegen des großen Andrangs zu Ferienbeginn ausreichend Zeit mitzubringen. Der zuständige Dezernent Paul-Gerhard Weiß machte gleichzeitig aber auch klar, dass nicht allein urlaubsbedingte Passangelegenheiten die Staus verursachen: Es sind auch die Auswirkungen einer immens gestiegenen Zuwanderung zu bewältigen. Die neuen Offenbacher kommen aus Osteuropa, zunehmend aber auch aus Krisenstaaten der EU wie Griechenland und Spanien. Und Einwanderer müssen weitaus häufiger aufs Amt als Deutsche.

Krisenstab will Lösung vorlegen

Im Rathaus berät inzwischen eine Art Krisenstab über das Problem. Stadtsprecher Matthias Müller kündigt an, dass der Öffentlichkeit nächste Woche Lösungen vorgelegt werden sollen. Welche, verrät er noch nicht, So ist offen, ob sich die Stadt etwa eine Aufstockung des bislang 45-köpfigen Teams leisten muss.

Auch Amtsleiterin Fuchs mag der Präsentation der Beratungsergebnisse nicht vorgreifen, weswegen exakte Zahlen über tägliche Besucherströme fehlen. Auf jeden Fall dürfte die vor Jahren angegebene Zahl von im Schnitt 600 Menschen deutlich überschritten werden.

Laut Stadtsprecher Müller ist das Bürgerbüro zudem Opfer seiner großzügigen Öffnungszeiten geworden: Die locken Autohändler und -anmelder aus der gesamten Region an. Hinzu kommt, dass die Beantragung des neuen Personalausweises inzwischen dreimal so viel Zeit in Anspruch nimmt, wie es für den alten der Fall war. Belastend wirkt sich aus, dass jetzt Kleinkinder einen eigenen Ausweis benötigen.

Müller kündigt sorgfältig geplante Bürgerbüro-Entscheidungen an, von denen manche über Offenbach hinaus Aufmerksamkeit erregen sollen. Er macht aber klar: „Ganz wird das Problem nicht zu lösen sein. Schließlich kann die Stadt nicht auf nationaler oder internationaler Ebene getroffene Vorgaben aushebeln.“

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