Einschätzungen einer Berliner Forscherin

Wie gefährlich ist der Antisemitismus?

Offenbach - Hat das Folgen? Der offenbar gewaltsame Angriff auf den Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Offenbach, Mendel Gurewitz, im Einkaufszentrum KOMM löst große Besorgnis aus.

Der Vorsitzende des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen, Moritz Neumann, sagte, es sei traurig aber auch bezeichnend, dass „kein einziger Passant auf den lautstarken und nicht zu übersehenden Vorfall reagiert“ habe. Aufklärungsbedarf bei Polizeiführung und Staatsanwaltschaft sieht Neumann insbesondere mit Blick auf die Darstellung des Rabbiners, wonach ein per Handy angerufener Polizeibeamter erklärt haben soll, es handele sich bei dem Angriff lediglich um eine zivilrechtliche Angelegenheit. Wenn, so Neumann, die Polizei bei einer Attacke gegen einen Rabbiner kein öffentliches Interesse sieht, sei es um den Schutz jüdischer Menschen schlecht bestellt. Der Rabbiner sei immer wieder geschubst und mit Worten wie „Scheiß Jude“, „verschwinde“ und „Viva Palästina“ beschimpft worden, hatte der Vize-Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Offenbach, Mark Dainow, berichtet.

Juliane Wetzel, Wissenschaftlerin am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, kann in ihren Studien nicht feststellen, dass es mehr Antisemitismus oder gar eine neue Qualität in Deutschland gibt. „Verschiedene demoskopische Erhebungen der letzten Jahre haben ergeben, dass es eine Latenz antisemitischer Einstellungen bei 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung gibt; daran hat sich zuletzt nichts geändert.“ Eine weitere wichtige Zahl, die die Forscherin nennt: 90 Prozent der Straftaten mit antisemitischem Hintergrund in Deutschland gehen auf das Konto von Rechtsextremisten.

Beste Rezept gegen Antisemitismus?

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Was ist das beste Rezept gegen Antisemitismus? Für Wetzel ist der wichtigste Ansatzpunkt eine bessere Aufklärung bzw. Bildung an den Schulen. „Es wird immer noch zu sehr darauf vertraut, dass allein der Geschichtsunterricht über den Holocaust präventiv gegen Antisemitismus wirkt. Das funktioniert so nicht, wir brauchen neue pädagogische Ansätze“, sagte sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Sie beobachte zudem, dass „viele Lehrer in ihrer Ausbildung nicht ausreichend auf die aktuellen Formen von Antisemitismus in Deutschland vorbereitet werden“. Ihr Tipp: Das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin (Ernst-Reuter-Platz 7, 10587 Berlin) stellt neue Unterrichtsmaterialien zur Verfügung.

psh

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