Gefährliches Vertrauen

Offenbach ‐ „Bitte beachten Sie, dass die Straßenverkehrsordnung Vorrang vor den Anweisungen des Navigationsgeräts hat“, zeigt das Display meines Navis an. Ich drücke die Meldung weg und fahre an unserem Verlagshaus an der Waldstraße los. Von Veronika Szeherova

Der Zielort: Maintal-Bischofsheim. Weil der kürzeste Weg dorthin über die Rumpenheimer Mainfähre führt, soll mich mein Navi sicher dort hinbringen. Ob ich mich darauf verlassen kann? So wie die fünf Jugendlichen am Samstagabend, die dann im Main gelandet waren?

Nina Apel (19) versteht nicht, wie die Jugendlichen in den Main fahren konnten. Seit zwei Jahren hat sie ihren Führerschein, fährt öfter mit Navi: „Man kann doch nicht immer alles ausführen, was da gesagt wird. Das ist dumm.“

Dass heute besonders viele Fußgänger meinen Weg kreuzen, kündigt mir das Navi nicht an. Ebensowenig erkennt es die rote Ampel, an der ich gerade stehe, als die weibliche Stimme mich energisch daran erinnert: „Jetzt rechts abbiegen.“ Gut, dass ich es nicht wirklich tue.

Ich bin kurz vor der Schmiedegasse in Rumpenheim. Straßenschilder weisen auf die Fähre hin. „Jetzt rechts abbiegen, dann sofort links abbiegen“, lautet die Anweisung des Geräts kurz vor der Ufergasse. Meine Route ist farblich markiert. Auch über den Main. Als würde dort die Straße einfach weitergehen. Gewarnt werde ich nicht von der netten Navi-Stimme, dass hier der Fluss kommt. Eine Schranke gibt es nicht, nur zwei große, doch schon etwas verwitterte Stopp-Schilder. Mehr nicht. Wenn´s nach dem virtuellen Wegweiser geht, darf man einfach weiterfahren. Doch in der Realität empfiehlt sich das eher nicht.

Michael Kissner (18) benutzt das Navigationsgerät hin und wieder als Orientierungshilfe. „Ich schaue aber mehr auf das Display, als dass ich auf die Stimme höre. So bleibt der Verstand immer eingeschaltet, was das Wichtigste ist.“

Ich betrachte das am Samstagabend aus dem Main gezogene Auto. Ein Filmteam von RTL und einige Schaulustige tun das ebenfalls. Fährmann Udo Dill schüttelt den Kopf: „Die Straßenbeleuchtung hier geht bei Einbruch der Dämmerung an. Es ist hell genug. Das ist einfach nur Dummheit, dass die in den Main gefahren sind.“ Der Weg zur Fähre sei zudem mit vielen Schildern deutlich gemacht. „Das kann man eigentlich nicht übersehen“, findet Dill. Die Fähre stand in der Nacht auf der anderen Mainseite. „Je nach Frühdienst steht sie nachts hier oder da drüben“, erklärt der Fährmann.

Während drüben auf der Maintaler Seite nachts eine eiserne Barriere die Zufahrt zum Fluss versperrt, ist am Rumpenheimer Ufer nichts dergleichen zu finden. Ein gefährlicher Sicherheitsmangel?

Fotos von dem fehlgeleiteten Auto in Rumpenheim:

Auto in den Main gerollt

Bei der Stadt hat man dies offenbar noch nicht so recht auf dem Radar. „Die Beschilderung ist jedenfalls ausreichend“, sagt Rainer Buck vom Straßenverkehrsamt. Wenn sich Vorfälle wie der vom Wochenende häufen, räumt er ein, müsse aber wohl über eine Sicherung nachgedacht werden.

Maliha Ahmad (18): Sie hat seit zwei Wochen den Führerschein, benutzt kein Navi und fährt bisher nur dort, wo sie sich auskennt. „Ein unbekannter Weg im Dunkeln, da kann ich schon nachempfinden, dass so was passiert.“

Warum die jungen Leute im Main gelandet sind, lässt sich letztlich wohl nicht mehr so genau klären. Eventuell war's die mangelnde Fahrpraxis des jungen Corsa-Lenkers, meint Polizeisprecher Ingbert Zacharias. Sichere ist für ihn aber: „Sie haben gewaltiges Glück gehabt.“ Und er erinnert an das Unglück vom Dezember 2008, als zwei 17-jährige Mädchen auf dem Rücksitz eines Wagens ertranken, nachdem der BMW ihrer Discobekanntschaften auf dem eisglatten Parkplatz an der Carl-Ulrich-Brücke in den Main gerutscht war. Nach den Beobachtungen der Polizei verlassen sich immer mehr Autofahrer auf ihre Navigationgeräte. Ein Trend, der seine Schattenseiten hat.

Zwei Tote gab es, als ein BMW versank:

Auto im Main versunken

Nicht immer muss es dabei so spektakulär enden, wie am Wochenende. Vielfach lotsen die Geräte etwa auf schlammige Waldwege, wo die Fehlgeleiteten dann von Polizei und Abschleppdiensten wieder herausgezogen werden müssen, wie Polizeisprecher Zacharias berichtet.

Er hält es für bedauerlich, dass vor allem junge Leute kaum noch in der Lage sind, sich ohne Navi zurechtzufinden. „Früher hat man in den Autoatlas geschaut oder einfach mal gefragt.“

Vanessa Domdey (17): Sie macht im nächsten Jahr ihren Führerschein. Sie weiß aber jetzt schon: „Mehr als aufs Navi muss man auf die Straße achten. Diese Jugendlichen waren in Gedanken wohl ganz woanders.“

Auch Ulrich Urban sieht die Entwicklung weg vom eigenständigen Denken mit Sorge: „Früher hat man zum Beispiel in der Schule räumliches Vorstellungsvermögen vermittelt bekommen“, sagt der Inhaber der gleichnamigen Fahrschule und Bezirksvorsitzende im Landesverband der Fahrlehrer.

Noch hat er den Umgang mit dem Navi nicht mit in die Führerschein-Ausbildung aufgenommen. Zum Fall vom Wochenende will sich Urban „nicht wertend äußern“, wie er zurückhaltend formuliert.

Annika Zwanzig (16) weiß von Freunden und Familie um die Tücken eines Navis. „Manchmal sagt es plötzlich Sachen wie ,Bitte wenden’, dann muss man schon aufpassen. Daher kann ich auch den Unfall nachvollziehen.“

Bei der Fahrschule Trenkler ist der elektronische Lotse bereits Bestandteil der Vorbereitung auf die Prüfung. Wenn auch ein freiwilliger. „Wir bieten bei Überlandfahrten an, das Navigationsgerät, das in unseren Fahrzeugen serienmäßig eingebaut ist, zu benutzen“, sagt Fahrlehrer Hasner.

Gleichzeitig versucht man in der Ausbildung aber auch, über die Tücken der Technik aufzuklären. „Wir sprechen mit den Prüflingen über Stärken und Schwächen von Navis“, so Hasner, der die Geräte etwa bei innerstädtischen Fahrten für entbehrlich hält. „Wir wollen zum verantwortungsvollen Fahren erziehen. Sich nur auf die Navigation zu verlassen, wäre schlecht.“

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