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Offenbach/Darmstadt - Es ist ein Fall, der seinesgleichen sucht. Und der selbst erfahrene Richter und Staatsanwälte in Staunen versetzt. „Unglaublich, aber wahr“, kommentiert Staatsanwalt Friedemann Vorländer die Ereignisse in seinem Plädoyer vor dem Darmstädter Landgericht. Von Veronika Szeherova

Nach zweimonatigem Prozess wurde gestern das Urteil gesprochen. Im November 2009 wird die Geschädigte S. in der Bad Homburger Fußgängerzone von zwei jungen Frauen aus Offenbach angesprochen – sinngemäß mit den Worten: „Wir sehen, es geht Ihnen nicht gut.“ Lina D. und Lidija D. behaupten, sie könnten ihr helfen. Die Bad Homburgerin, die einen Hang zu Esoterik hat und sich in zu dem Zeitpunkt laut eigener Aussage in einer „Lebenskrise“ befand, lässt sich darauf ein. Der Beginn von „zweieinhalb Jahren voller Psychoterror“, wie sie im Nachhinein sagt.

Die Ehefrau und dreifache Mutter aus gut situierten Verhältnissen gerät in völlige Abhängigkeit von den beiden Serbinnen, die behaupten, ihr Körper sei von einem „negativen Wesen“ befallen. Dieses müsse entfernt werden – was nur sie könnten. Für jedes „Reinigungs-Ritual“, das sie in ihrer Wohnung in Offenbach ausführen, verlangen sie von S. Schmuck, Handtaschen oder Geld. Die Angeklagten bringen die Frau um insgesamt mehr als eine Million Euro. Konnte sie dass Geld anfangs noch von eigenen Konten zahlen, nahm sie später unter falschem Vorwand Darlehen auf. Die Familie ist nun hoch verschuldet.

„Helfen ist das Letzte, was sie wollten“

„Helfen ist das Letzte, was sie wollten“, so Vorländer. Es sei den beiden Frauen von vornherein nur um Geld gegangen. Zur Täuschung sei psychischer Druck gekommen. „Sie versetzten sie in Angst, dass ihre Familie in Gefahr sei.“ Die eingeschüchterte Frau habe „nur zur Geldbeschaffung“ gedient.

Darin widersprechen die Verteidiger der Angeklagten. „Es haben sich drei gefunden, die zusammenpassten.“ Der Glaube ans Übersinnliche habe alle drei Frauen geeint. S. habe die Rituale bereitwillig mitgemacht. Da sie selbst Weiterbildungen auf esoterischem Gebiet habe, sei sie sozusagen „Sachverständige“ – und als solche hätte sie anders agieren müssen. „Sie handelte grob fahrlässig.“ Für die Angeklagten habe das Geld sozusagen auf der Straße gelegen, die Verlockung sei riesig gewesen.

Gutgläubigkeit und Bereitwilligkeit des Opfers

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Das sieht der Vorsitzende Richter Martin Rößler ähnlich. Die Gutgläubigkeit und Bereitwilligkeit des Opfers sei sehr ausgeprägt gewesen. Dass beide Angeklagten ein weitreichendes Geständnis ablegten, rechnet er ihnen wohlwollend an: „Das hat zur Urteilsfindung mehr beigetragen als die teils widersprüchlichen Aussagen von Frau S.“ Er verurteilt Lina D. trotz mehrfacher Vorstrafen zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe.

Strafmindernd war für sie, dass sie nach einem Jahr ausstieg, während Lidija D. allein weitermachte. Die 28-Jährige beteuert, dass sie lesen und schreiben lernen möchte, um eine Arbeit annehmen zu können. „Ich habe Verantwortung meinem Kind gegenüber“, sagt sie unter Tränen. „Ich werde so etwas nicht mehr tun, und mir tut alles von ganzem Herzen leid.“

Seit einem halben Jahr in U-Haft

Lidija D., die seit einem halben Jahr in U-Haft sitzt, nutzt die Gelegenheit für ein letztes Wort nicht, schließt sich nur leise ihrem Verteidiger an. Sie bricht immer wieder in Tränen aus, dreht sich zu ihrer Familie um, die den Prozess beobachtet. Als der Richter das Urteil verkündet, schluchzt sie unentwegt. Sie bekommt eine Doppel-Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten sowie zwei Jahren und einem Monat. Wieviel sie davon wirklich absitzen muss, wird sich zeigen. „Das hängt auch davon ab, ob sie abgeschoben wird“, erläutert Vorländer.

Bei beiden Angeklagten blieb die Strafkammer damit deutlich unter dem von der Staatsanwaltschaft geforderten Strafmaß.

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