Gefangen in eigener Wohnung

Offenbach - Hannelore Strödter ist eine Offenbacherin, die gern den Überblick bewahrt. Und in ihrer Mietwohnung, zweieinhalb Zimmer auf der neunten Etage des Wohnblocks Rhönstraße 44, musste sie bisher nicht um ihn fürchten. Von Marcus Reinsch

Vom Fenster aus guckt sie über die Stadt in den Taunus, „ich habe das immer sehr geliebt“, erzählt sie am Telefon. Dieses „Immer“ endete am 26. Januar.

Das war der Tag, an dem der einzige Aufzug im Haus seinen Geist aufgab. Der erste der Tage, „an denen wir hier saßen und keinerlei Nachricht bekamen, was passiert“. Und der Tag, an dem Hannelore Strödter begann, sich wie eine Gefangene mit Fernblick zu fühlen. Denn für einen Menschen, der sieben Hüftoperationen hinter sich und im Tausch für Beweglichkeit schon früh die schmerzhafte Erkenntnis gewonnen hat, dass Ärzte nicht zwangsläufig Könner sind, ist ein Treppenhaus so gut wie kein Treppenhaus.

Abgeschnitten von der Außenwelt

Für die schwerbehinderte Offenbacherin, die nächsten Monat 65 wird, ist der Aufzug ihre einzige Verbindung nach unten. Zur Haltestelle, von der sie mit dem Bus zum Arzt und zur Apotheke und zurück fährt. Zum Lebensmittelmarkt. Zum Leben außerhalb ihrer vier Wände.

Hannelore Strödter hörte, während sie wartete und anfangs vergeblich versuchte, bei der an der Kaiserstraße sitzenden Hausverwaltung eine Auskunft oder überhaupt jemanden ans Telefon zu bekommen, so einiges. Dass spontane Hilfe zwar gewollt, aber nicht möglich sei, weil jede größere Investition in die Immobilie erst über den Tisch des Eigentümers gehen müsse. Dass das Ersatzteil für den Aufzug, dem die seit mehr als 40 Jahren in dem Block wohnende Strödter seinen baldigen Ausfall Tage zuvor angehört haben will, „eigentlich ganz schnell hätte da sein können“, aber nicht da war, weil ein billigeres Angebot eingeholt werden musste. Dass für diese Vermutung auch die Erinnerung an andere Schäden spreche, deren Reparatur hinausgeschoben wurde. Das Glas der Eingangstür sei lange nur mit einer Plastikfolie ersetzt, das Türschloss erst nach Monaten repariert worden; „hier konnte einfach jeder reinspazieren“.

Mieter fühlten sich im Stich gelassen

Vor allem hörte Hannelore Strödter, dass sie Glück hatte, dass ihre Tochter Lebensmittel vorbeibrachte. Andere Mieter waren ganz allein, baten sie verzweifelt, etwas zu unternehmen. Das tat sie. Rief am Montag, nachdem sich die Hausverwaltung als Sackgasse erwiesen hatte, bei unserer Zeitung an. Erzählte von sich und der alten Frau eines schwer zuckerkranken Mannes, die mit Tränen in den Augen im Flur gestanden habe. Von der Familie, die ihren kleinen Sohn die Treppen hintertragen musste, um ihn mit Bronchitis zum Notarzt bringen zu können. Von anderen.

Seit gestern, 10.15 Uhr, funktioniert der Aufzug wieder. Einen Tag später, als es die Hausverwaltung unserer Zeitung zugesagt hatte. Zwölf Tage ohne Aufzug, das tue der Firma „sehr, sehr, sehr leid“, hat eine Mitarbeiterin gesagt.

Hannelore Strödter, froh über das Ende ihrer Gefangenschaft, tut es auch sehr leid – um die schöne Wohnung mit dem Taunusblick. Denn sollte sie ein anderes Heim finden, will sie umziehen.

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