Gefestigte Weltbilder

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Salafisten verteilen in der Herrnstraße den Koran und diskutieren mit Passanten.

Offenbach (mad) - Radikale Islamisten haben am Samstag wieder kostenlos Exemplare des Koran in der Innenstadt verteilt. Die Gebetsbücher fanden viele Abnehmer.

11.30 Uhr, Stadthof, Höhe Löwen-Apotheke: Die beiden jungen Männer, von ihrem Äußeren eher Schüler denn fundamentalistische Seelenfänger, haben bereits kurz nach dem Aufbau einen schweren Stand mit ihrem Stand. In kürzester Zeit finden sich mehr als ein Dutzend Leute ein. Der Radio-Reporter vom Hessischen Rundfunk stellt ebenso bohrende Fragen, wie ein bestens vorbereiteter Passant.

„Nein, wir wollen das Grundgesetz nicht ändern, wir wollen nur den Koran näher bringen. Wir wollen die Primärquelle verbreiten“, beteuern die anfangs noch eloquent wirkenden jungen Salafisten. Doch schnell gehen ihnen die Argumente aus, geraten sie in die Defensive. „Sprich nicht mehr mit ihnen“, raunt der Ältere dem Jüngeren zu und beginnt mit seinem Handy die Umstehenden zu filmen. Das passt denen natürlich nicht. Der bestens vorbereitete Frager ruft die Stadtpolizei an, die sich später davon überzeugt, dass der Film auf dem Handy gelöscht ist.

Koran geht weg wie warme Semmeln

Von der Zielgruppe der Propaganda-Aktion, den ungefestigten Jugendlichen, ist weit und breit niemand zu sehen. Die älteren Offenbacher sind in der Mehrzahl, und sie haben ein eher gefestigtes Weltbild. Ihre Kommentare reichen von „versuche doch mal die Bibel in einem islamischen Land zu verteilen“ bis „die gehören alle rausgejagt aus Deutschland“. Eine Rentnerin, die nach eigenen Angaben mehr als 20 Jahre im Ausländeramt der Stadt tätig war und dabei offenbar jeglichen Glauben an Integration verloren hat, ergänzt: „Diese Radikalinskis leben doch alle von Hartz IV“.

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Salafisten verteilen Koran

Immerhin: Der Koran geht weg wie warme Semmeln. Mal verschämt, mal mit gemurmelten Erklärungen greifen die Leute zu. Sie wollen sich den Inhalt genau anschauen und auffällige Passagen unterstreichen, um sie ihren Kindern zu zeigen, sagt das ältere Ehepaar aus Dreieich, das gegen jegliche religiöse Eiferer ist, wie es betont. „Ich weiß gar nicht, warum die Leute sich den Koran nehmen. Die, die ihn hier verteilen, halten sich doch sowieso nicht daran“, meint ein westlich orientierte Frau aus dem Iran. Nach etwas mehr als einer halben Stunde sehen die Jungs ihr Mission wohl als erfüllt: Alle Exemplare des Koran sind weg, sie packen zusammen.

SPD verteilt Flugblätter gegen die Fundamentalisten

„Das waren nur rhetorisch ungeschulte Hilfskräfte“, weiß Sigrid Herrmann-Marschall. Die Offenbacher SPD-Politikerin verteilt am Nachmittag in der Herrnstraße zusammen mit anderen Genossen Flugblätter gegen die Fundamentalsiten, die dort einen weiteren Stand aufgebaut haben. Diesmal sind es „Hardcore-Salafis“ wie Herrmann-Maschall formuliert. Entsprechend wird am Stand der bärtigen Männer auch anders diskutiert.

Die SPD’ler, deren Flugblatt-Verteilung formell als Kundgebung angemeldet ist, haben die Auflage, sich nicht mehr als 20 Meter dem Stand zu nähern. Die Salafisten achten peinlichst darauf, die Stadtpolizei steht zur Durchsetzung der Auflage bereit.

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