Gefühl, nicht dazuzugehören

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Die Offenbacher Rapper Big Mo und Mourad Kill gaben das Lebensgefühl Jugendlicher mit Migrationshintergrund wieder.

Offenbach - Gewalt, Unangepasstheit, fehlende Bildung, kein Wille zur Teilhabe. Die Liste der Vorwürfe vieler Deutscher gegenüber ausländischen Mitbürgern ist lang. Doch auf der anderen Seite sieht es nicht besser aus. Von Veronika Szeherova

Arroganz, Desinteresse, Rassismus und systematische Ausgrenzung werfen viele Menschen mit Migrationshintergrund den Deutschen vor. In einer Stadt wie Offenbach, wo mehr als 50 Prozent der Bewohner ausländische Wurzeln haben, ist Integration ein Thema, das jeden betrifft. Wie groß der Gesprächsbedarf auf beiden Seiten ist, zeigte die Podiumsdiskussion „Offenbach – Gipfel der Des-Integration“, ausgerichtet von den Wirtschaftsjunioren. Der Große Saal der IHK war mit mehr als 120 Interessenten fast vollständig gefüllt.

Der designierte Sozialdezernent Dr. Felix Schwenke, Mathildenschulleiter Oliver Schröder, Kabarettist Sinasi Dikmen und der Jurist und Soziologe Dr. Dr. Seyed Shahram Iranbomy waren die Gäste des Abends, durch den Moderatorin Evren Gezer mit gewohnter Lockerheit führte. Doch angesichts des komplexen Themas, bei dem ein Stichwort schnell in eine ganz andere Richtung führt, war es eine schwere Aufgabe, Struktur in die Diskussion zu bringen. Wortmeldungen kamen auch aus dem Publikum, in dem Vertreter aus Gesellschaft und Politik saßen.

„Deutsche Ausländerpolitik ist schuld“

Dass Sprache der Schlüssel zur Integration ist, bestätigte nicht nur Schulleiter Schröder, der täglich mit mangelnden Deutschkenntnissen von Schülern und Eltern konfrontiert ist. Auf die Frage, ob Eltern grundsätzlich bereit seien, zuhause die deutsche Sprache zu vermitteln, hatte Iranbomy eine klare Antwort: „Nein.“ Dafür machte er jedoch nicht die Menschen selbst, sondern die deutsche Ausländerpolitik mit ihrer undurchschaubaren Gesetzeslage verantwortlich. „Viele sitzen im wahrsten Sinne des Wortes auf gepackten Koffern, weil sie keine rechtliche Sicherheit haben. Wie sollen sie sich so mit dem Land identifizieren?“

Wo Identität fehlt, entstehe Gewalt. Wer sich nicht der Gesellschaft zugehörig fühlt, suche nach Ersatz. Und werde zu leichter Beute für Rattenfänger wie den Salafisten Pierre Vogel. „Deutschland gibt das Gefühl, nicht dazuzugehören“, klagte Dikmen, der das Theater Käs in Frankfurt leitet. „Schon die Sitzordnung zwischen Deutschen und Türken zeigt, wie es bei der Vorstellung laufen wird.“

Iranbomy bemerkte, dass sich Türkischstämmige in den USA mehr als Amerikaner fühlten, als sie es in Deutschland als Deutsche tun, weil sie dort anders wahrgenommen würden. Dagegen gebe es in Deutschland „Eliteausländer“ wie etwa gebildete Koreaner. Daher sei die Problematik hierzulande keine ausländerspezifische, sondern eine der Bildung und sozialen Schichtung. Schwenke teilte diesen Blickwinkel: „Das hat mit Ghettoisierung zu tun. Im Lohwald lebte vor Jahrzehnten kein einziger Migrant, trotzdem haben sich die Bewohner aufgrund ihrer Adresse ausgegrenzt und benachteiligt gefühlt.“

„Verschwendete Ressourcen für Deutschland“

Beispiel dafür ist der Arbeitsmarkt. Dort Fuß zu fassen ist für Menschen mit Migrationshintergrund schwerer. Ein Drittel der Akademiker türkischer Abstammung, die in Deutschland aufgewachsen sind und studiert haben, würde sich deshalb in der Türkei Arbeit suchen. „Das sind Kinder dieses Landes“, so Dikmen, „verschwendete Ressourcen für Deutschland.“ Noch schwerer sei die Situation für junge Schulabgänger vor dem Übergang zur Ausbildung. „Das duale deutsche System kennen und verstehen die Eltern nicht, daher können sie ihren Kinder nicht helfen“, findet Dikmen. Schröder ist der Meinung, Deutschlands Bildungssystem gehöre zu den kompliziertesten. „Das zu erklären ist eine besondere Kunst und Hürde.“ Viele Eltern würden Angebote jedoch nur zögerlich annehmen, bedauerte er.

Dass Deutsch einerseits für die Integration unumgänglich ist, es aber andererseits möglich ist, seinen Führerschein in der Muttersprache zu machen, sah Moderatorin Gezer, die selbst in Lohwald aufwuchs, als Widerspruch. „Es gibt Menschen, die müssen kein Wort Deutsch sprechen, um hier zu leben.“ So entstünden Parallelgesellschaften. Ein Sachverhalt, dem Dikmen eine humorvolle Seite abgewinnen konnte: „Wenn ich einen Tag in der deutschen Öffentlichkeit verbracht habe, möchte ich manchmal in einer türkischen Kneipe schwülstige türkische Lieder hören, die ich Ihnen nie antun würde.“

Die Runde war sich einig: „Bei Migranten, die schon seit Jahrzehnten hier leben, muss man nicht von Integration sprechen. Sie sind längst Teil der Gesellschaft.“ Doch Schröder machte auf eine neue, „enorme Herausforderung“ aufmerksam – die vielen Einwanderer aus den sogenannten EU2-Ländern wie Bulgarien und Rumänien.

Nach dem Ende der zweistündigen Diskussion war das Thema nicht ausgeschöpft. Die Besucher sprachen noch lange angeregt weiter. Das verlangt nach Fortsetzung ...

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