Protest

Ärzte protestieren gegen Stellenabbau im Sana-Klinikum: „Brutale Kostenreduktion“ trotz Mega-Gewinn

Am Tag der Pflege, dem 12. Mai, protestierten Klinik-Mitarbeiter und ihre Gewerkschaft in Offenbach gegen die Entlassungspläne des Krankenhaus-Eigentümers.
+
Am Tag der Pflege, dem 12. Mai, protestierten Klinik-Mitarbeiter und ihre Gewerkschaft in Offenbach gegen die Entlassungspläne des Krankenhaus-Eigentümers.

Das Sana-Klinikum in Offenbach will trotz Corona-Finanzierung weiter Stellen abbauen. Mediziner protestierten am Tag der Pflege gegen diese Entwicklung.

Offenbach - Der Protest gegen den Stellenabbau am Sana-Klinikum wird immer breiter. Nun melden sich Ärzte und Ärztinnen in Offenbach Stadt und Land zu Wort und erklären sich „ausdrücklich solidarisch mit den vielen Beschäftigten, deren Zukunft gefährdet ist“.

Wie berichtet, will der Krankenhauskonzern Sana eine seiner Tochterfirmen so umbauen, dass sie nur noch für Reinigung zuständig ist. Andere bisherige Aufgaben wie Patiententransport, Empfang, Poststelle, Archiv und im Bereich der Pflegeservice auf den Stationen sollen ausgelagert werden. Nach Sana-Angaben wären in Offenbach 66 Mitarbeiter betroffen.

Sana-Klinikum in Offenbach: Corona-Jahr war „das goldene Jahr der Krankenhausfinanzierung“

Die im Ärzte-Verein Offenbach organisierten 103 Mediziner appellieren an die Verantwortlichen, ihre Entscheidung zu überdenken: „Wir bitten den Vorstand der Sana Kliniken AG, den Fokus der Unternehmenstätigkeit statt auf brutale Kostenreduktion so weit als irgend möglich auf die Weiterbildung und Qualifizierung der Mitarbeiter zu legen.“

Dr. Harald Ballò, seit 2014 Vorsitzender des Vereins, hat eine umfassende Darstellung der aktuellen Sachlage erarbeitet, die sich von „polemisch-agitatorischer Empörung“ absetzen soll. Ballò zufolge hat der Sana-Konzern in den Jahren 2015 bis 2019 423 Millionen Euro Gewinn nach Steuern erwirtschaftet. Dabei handele es sich überwiegend um Geld aus der Solidargemeinschaft. Sana habe darüber hinaus im Zuge der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie 2020 in nicht unerheblichem Maße Stützungsgelder aus Steuermitteln des Bundes und der Länder erhalten.

Sana ist damit nicht allein. Der Offenbacher Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie rechnet vor, dass die deutschen Krankenhäuser 2020 dank der Corona-Hilfen ihren Umsatz steigerten, während sie gleichzeitig weniger Patienten behandelten als zuvor. Das verdanke sich den von Bund und Ländern geleisteten Ausgleichszahlungen. Ballòs Beispiel: Für ein nicht belegtes Psychiatriebett sei ein Mehrerlös von mehr als 250 Prozent möglich gewesen. Er wundert sich nicht, dass ein Krankenkassen-Funktionär 2020 als „das goldene Jahr der Krankenhausfinanzierung“ bezeichnete.

Sana-Klinikum in Offenbach: Auslagerung von Arbeitsleistungen als „Lohndumping“ bekannt

So golden, dass Sana nicht noch sparen möchte, war es jedoch nicht. Harald Ballò macht eine Gemengelage aus Gesetzgebung und unternehmerischen Entscheidungen aus, die den Konzern unter Kostendruck setzt: Sana hatte nach seinen Angaben Serviceleistungen von den teuren examinierten Pflegekräften ab getrennt und an Servicekräfte ausgegliedert; dann beschloss der Bundestag 2018 aber das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz, das nicht nur Personaluntergrenzen vorgibt, sondern auch die Vergütung umstellt; Pflegekosten „am Bett“ werden den Krankenhäusern seitdem separat und prinzipiell der Höhe nach unbegrenzt bezahlt. Davon hat Sana wegen seines frühen Outsourcings aber nichts, bleibt vielmehr auf den entsprechenden Kosten sitzen. Weswegen, so Ballò, der Konzern deshalb mit der jetzt anvisierten Kündigung der ausgegliederten Kräfte die Entwicklung der letzten Jahre, die zu einer Entlastung der Fachpflege geführt hatte, wieder rückgängig macht.

Der Vorsitzende des Offenbach Ärzte-Vereins erkennt an, dass der aus vier Ökonomen bestehende Sana-Vorstand für ihre Konzerneigner, die privaten Krankenversicherungen, eine an ökonomischen Vorgaben orientierte Steuerung gewährleisten. „Das betriebene Outsourcing von Arbeitsleistungen ist einerseits ein bekanntes Mittel zu Lohndumping, Tarifflucht sowie Spaltung und Entsolidarisierung von Belegschaften, kann jedoch andererseits auch zu Effizienzsteigerung und Verbesserung von Organisationsstrukturen führen“, schreibt Mediziner Ballò.

Offenbach: Sana-Klinikum wird von Politik und Gewerkschaften heftig kritisiert

Insofern sei es ein bitter-ironisch anmutender Aspekt, dass Sana vom Gesetzgeber einerseits gezwungen werde, ihr früher vorangetriebenes Outsourcing von Arbeitskräften zu reduzieren, andererseits dafür aber in der Öffentlichkeit von Politik, Gewerkschaften und Betriebsrat heftig kritisiert werde.

Letzterer gerät dann auch besonders ins Visier des Ärzte-Vereins. Vorsitzender Holger Renke gehört auch dem Aufsichtsrat der Sana Kliniken AG an. Dieser sei, so Harald Ballò, bereits im August 2019 über die wirtschaftliche Situation und über die Auswirkungen der Gesetzesänderung informiert worden; drei Monate später seien ihm die Pläne für 2020 vorgestellt worden. Ballò zweifelt deshalb Holger Renkes Aussage bei der diesjährigen Maifeier in Offenbach an, er habe erst kurz zuvor von den Entlassungsplänen erfahren. (Thomas Kirstein)

Den Mitarbeitern des Sana Klinikums in Offenbach sind erst vor Kurzem Zulagen gestrichen worden.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare