Ein Fall aus Bieber

Gegen den letzten Willen in der Urne

Offenbach - Die Geschichte ereignete sich bereits Ende des vergangenen Jahres. Aber eigentlich ist sie zeitlos. Zum einen, weil der, um den es geht, das Zeitliche gesegnet hat. Zum anderen, weil das Ganze so oder so ähnlich jederzeit passieren könnte. Von Matthias Dahmer

Der alleinstehende Ronald B. stirbt am 4. November 2015 in der Wohnung seines Mehrfamilienhauses in Bieber eines natürlichen Todes. Aufgefunden wird der Leichnam des 79-Jährigen am nächsten Tag – es ist ein Donnerstag – von der Mitarbeiterin eines Pflegedienstes. Weil es offenbar keine Angehörigen gibt, beauftragt die Polizei ein Bestattungsunternehmen, den Toten abzuholen. In der Erwartung, dass sich vielleicht doch noch Angehörige melden, wird er bis zum darauffolgenden Montag aufgebahrt. Als sich bis dahin die Hoffnung nicht erfüllt, kommt zwei Tage später die Anordnung des Ordnungsamts, Ronald B. einzuäschern, was dann am 16. November auch geschieht. Dass es zu einer Feuerbestattung kam, kann Ernst Gesser nicht nachvollziehen. Der langjährige Rechtsanwalt von Ronald B., der den Bieberer auch teilweise betreute, wirft dem Ordnungsamt und der Bestatterfirma vor, versagt zu haben. „Herr B. hatte mich beauftragt, für seine Beerdigung Sorge zu tragen und den gesamten Nachlass abzuwickeln. Er legte Wert auf eine Erdbestattung, wollte auf keinen Fall verbrannt werden“, berichtet Gesser.

Er sei am 5. November von einer Mieterin über das Ableben von B. informiert worden und habe noch am gleichen Tag das Ortsgericht darüber in Kenntnis gesetzt, dass er beauftragt sei, sich um den Nachlass zu kümmern. Gesser: „Dass das Ordnungsamt zuständig ist, war mir nicht bekannt.“ Das sei aber letzlich unerheblich, denn in jedem Fall hätten Amt oder Bestatter ermitteln müssen. Zumal B. zu einer alteingesessenen und weit verzweigten Bieberer Familie gehörte. Sabine Perez-Preiß, Chefin des im Fall B. tätigen Bieberer Bestattungshauses, weist die Vorwürfe Gessers zurück: „Ich kann in solchen Dingen gar nichts verfügen und habe auch keine Berechtigung zu ermitteln.“ Für Fälle wie die des verstorbenen Ronald B. gebe es klare Vorgaben: Bei Polizei und Ordnungsamt liege jeweils eine Liste, welches Bestattungsunternehmen im betreffenden Monat gerade Bereitschaft habe. Das werde dann angerufen. Die weiteren Verfügungen habe das Ordnungsamt zu treffen.

Dessen Leiter Peter Weigand bestätigt: „Wenn keine Angehörigen bis zweiten Grades zu finden sind, haben wir die Bestattung zu veranlassen.“ Im Todesfall Ronald B. habe man sogar länger gewartet als üblich. „Normalerweise müssen Verstorbene, bei denen keine Angehörigen ausfindig zu machen sind, innerhalb von 96 Stunden bestattet werden. Hier haben wir elf Tage gewartet.“ Weigand betont, die Recherchemöglichkeiten seiner Behörde seien beschränkt: Manchmal helfe das Standesamt oder das Melderegister weiter, wo unter Umständen die Familie aufgeführt sei. „Meist können wir nur hoffen, dass sich jemand melden“, bedauert er.

Bestattung auf Britisch

Warum im Fall Ronald B. die Kommunikation nicht klappte, ist unklar. Weigand bestätigt, dass dem stellvertretenden Ortsgerichtsvorsteher am 5. November das Ableben des 79-Jährigen gemeldet und die Hausschlüssel übergeben worden seien. Wie Weigand weiter berichtet, nimmt die Zahl der anonymen Bestattungen zu. Früher seien es um die 30 Fälle pro Jahr gewesen, mittlerweile zähle man etwa 50. Tendenz: steigend. Schon allein wegen der Kosten von etwa 2000 Euro pro Bestattung sei es im Interesse der Stadt und letztlich im Interesse des Steuerzahlers, Angehörige ausfindig zu machen. Was das Finanzielle angeht, weist der Behördenleiter darauf hin, dass nach wie vor das Sterbeort-Prinzip gelte: Wer – unabhängig von seinem Wohnort – etwa im Klinikum oder bei einem Unfall auf der A3 auf Offenbacher Gemarkung sterbe und keine Angehörigen habe, für den müsse die Stadt die Beerdigungskosten übernehmen.

Weniger auf finanzielle als vielmehr auf menschliche Aspekte blickt Bestatterin Perez-Preiß. „Wir haben in Städten wie Offenbach eine große Anonymität. Es gibt Monate, in denen bis zu zehn Personen anonym bestattet werden. Diese Biografien sind einfach ausgelöscht.“ Grundsätzlich rät sie, Vertrauenspersonen, zu denen man ständig Kontakt habe, zu informieren, wie die Bestattung ablaufen soll. Notfalls könne man ein Schreiben in der Wohnung hinterlassen, wer im Todesfall benachrichtigt werden solle. Zudem gebe es kostenlose Bestattungsverfügungen bei allen Bestattern.

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