Gegen das Misstrauen

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In den 70-er Jahren erhielt die Albert-Schweitzer-Schule einen Anbau mit Klassenräumen und für die Naturwissenschaften. Nach der Entkernung bauen die Firmen jetzt eine Cafeteria (rechts) und Räume für die Lehrer.

Offenbach - Die strukturellen Widrigkeiten sind bekannt: Offenbach hat einen Schuldenberg, häuft Jahr für Jahr weitere Miese an. Gründe: immense Sozialausgaben, niedrige Steuereinnahmen. Von Martin Kuhn

Diese wenig nahrhafte Suppe wird gewürzt mit einem hohen Migrantenanteil und vielen Arbeitslosen. Auslöffeln möchte das niemand. Dennoch schaltet die Stadt nicht auf Sparflamme. Im Gegenteil: Bis zum Jahr 2017 investiert sie 250 Millionen Euro in die Bildung. Sprich: in Schulbauten und Ausstattung. Keine einfache Aufgabe, die auf Stadtrat Paul-Gerhard Weiß zukommt.

Das weiß der Liberale, der die Stadt und ihre Probleme wohl wie kein zweiter Kommunalpolitiker kennt. Lange Jahre hat er für die ehemals kleine Oppositionspartei FDP den Finger in die Wunden der Regierungskoalition gelegt. Seit September 2006 sitzt er auf der anderen Seite. Statt Kritik ist Gestalten angesagt - unter anderem als Bildungsdezernent. Weiß empfindet das nach wie vor als „herausfordernde Arbeit“ und bindet die Koalitionspartner SPD und Grüne mit ein. „Wir haben bei den Schulen sehr, sehr viel bewegt. Das wird jetzt sichtbar“, freut er sich.

„Ruf und Realität sind aber nicht dasselbe“

Oberste Priorität hat der Ganztagsbetrieb in allen Schulformen. Bekannte Stichworte gelten nicht allein in Offenbach: Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Förderung von bildungsfernen Schichten, pädagogische Mittagsbetreuung. Zum letzten Punkt sagt Weiß: „Es soll eine lohnende Zeit sein; mehr als eine bloße Verwahrung.“ Als Dezernent ist er jedoch nicht allein für die Schulgebäude zuständig, sondern auch für die Schulorganisation. Etwa für die Frage: Welche Schulen will man in der Stadt? Als Beispiel steht ein jahrelanger (Glaubens-) Streit, der kürzlich pragmatisch aufgelöst wurde: die Umwidmung der Geschwister-Scholl-Schule in eine dritte Integrierte Gesamtschule.

Aber das allein löst keine Probleme, schließlich genießt die GSS nicht den allerbesten Ruf... „So etwas gab’s schon zu meiner Schulzeit. Ruf und Realität sind aber nicht dasselbe. Die Nachfrage nach der  Scholl-Schule hat angezogen.“ Zwar sind die mit der Umwandlung verknüpften Hoffnungen noch nicht erfüllt, aber immerhin. Hingegen wird Weiß als einer der wenigen Schuldezernenten der jüngeren Stadtgeschichte stehen, der eine neue Grundschule baut – und zwar im Hafengebiet. „Das ist unabdingbar; selbst wenn andere mit den Zähnen knirschen. Das zeigen die demografischen Zahlen. Schließlich sind diese Kinder bereits geboren.“ Mit deutlich mehr als 1000 Kindern pro Jahrgang ist Offenbach eine junge Stadt. Das will er auch im politischen Raum forsch vertreten. „Das muss stärker gewichtet werden vom Land – mit Finanzmitteln und in der Lehrerzuweisung“, blickt er nach Wiesbaden und fragt rhetorisch: „Wer sonst muss in Hessen eine neue Grundschule bauen?“

Schaffung ganztägiger Angebote ist zentrales Ziel

Im Gespräch wird rasch deutlich, dass die Kommune auch gegen ihren eigenen schlechten Ruf ankämpft: „Über Jahrzehnte hat sich in den Schulgemeinden viel Misstrauen aufgebaut.“ Oje... „Das legt sich in dem Maße, in dem die Bagger anrollen“, erkennt der Freidemokrat eine geänderte Wahrnehmung. Das heißt: An den drei kommunalen Gymnasien (Albert-Schweitzer-Schule, Leibnizschule, Rudolf-Koch-Schule) ist man also voll des Lobs? Vielleicht.

Ganz sicher sind die bösen Zungen dort leiser geworden, da die drei Bildungseinrichtungen ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Die Schaffung ganztägiger Angebote ist dabei ein zentrales Ziel. Vor allem die drei Gymnasien in Offenbach brauchen mehr Platz und jeweils eigene Kantinen. „Das wird in diesem Jahr abgeschlossen. Dann sind die Gymnasien durch, bis auf die Bestandssanierung in Albert-Schweitzer- und Leibnizschule“, schränkt Weiß ein.

Über Jahre aufgebaute Skepsis überwinden

An anderen Schulen äugt man weiter misstrauisch - ganz besonders an den beiden Berufsschulen am Fuß des Buchhügels. Das ahnt Weiß. Und das liest er in vielen Pressemitteilungen. Mit dem Beschluss (wir berichteten), die Käthe-Kollwitz- und die Theodor-Heuss-Schule im sogenannten ÖPP-Verfahren zu sanieren, hofft er auf eine Beruhigung der Gemüter: „Beide Einrichtungen stehen mit der Beethovenschule als nächste auf der Prioritätenliste.“ Es ist eben eine über Jahre aufgebaute Skepsis zu überwinden... Apropos Prioritätenliste: Dieser intern festgelegten Reihenfolge liegt nicht allein der bauliche Zustand der mehr als 30 Schulgebäude zugrunde, sondern auch der künftige Raumbedarf – und der ist durch die verkürzte Gymnasialzeit auf acht Jahre dort am dringendsten.

Und jetzt räumt der Stadtrat mit den Vorbehalten gegen die öffentlich-private Zusammenarbeit bei diesen drei Großprojekten auf: „Es ist eine Legende, dass diese drei Schulen längst gebaut wären, wenn die Stadt das in eigener Regie gemacht hätte. Das ist ausgeschlossen.“ Die Bauverwaltung und die Stadtwerke-Tochter EEG seien an ihre Grenzen gestoßen: „Wir verbauen ein immenses Volumen. Mehr geht nicht.“ Es sei also nicht allein eine Frage des Wollens, sondern auch des Könnens, das als ein Argument für ÖPP spreche. Für den FDP-Mann im hauptamtlichen Magistrat ist es zudem ein Probelauf. „Wir wollen sehen, ob jemand anderes pfleglicher umgeht mit dem Gebäudebestand. Die Stadt hat da nicht gerade geglänzt.“

Angesetzte 250 Millionen Euro reichen nicht

Dass in absehbarer Zeit die Berufsschulen folgen, ist für Paul-Gerhard Weiß sinnvoll. Viele Jugendliche und junge Erwachsene werden in Außenstellen unterrichtet – etwa an Grundschulen. „Diese Dependancen müssen frei sein, ehe dort Sanierung und Erweiterung folgen.“ Ob erst Klassenräume oder Sporthallen gebaut werden, möchte der Stadtrat den Bauplanern überlassen: „Das entscheiden die Fachleute. Und nicht die Pädagogen.“

Was letztlich die Politik zu entscheiden hat, ist die Frage der Finanzierung. Für den liberalen Hauptamtlichen steht schon fest, dass die angesetzten 250 Millionen Euro nicht ausreichen, selbst wenn die jeweils gesetzten Budgets eingehalten werden: „Gerade in einer angekurbelten Konjunktur gehen die Baupreise hoch.“ Bis 2017 könnten so nicht kalkulierte Zusatzkosten auf die Stadt zukommen. Dennoch sei man weit entfernt von einer Luxussanierung: „In jedem einzelnen Fall handelt es sich um eine knappe Kalkulation.“

Gibt es denn neben finanziellen auch zeitliche Abweichungen vom Sanierungskonzept? „Ja“, gibt Weiß unumwunden zu, „in der Außenstelle Waldhof der Grundschule Bieber.“ Dort ist – gelinde gesagt – eine gesunde Skepsis Programm. Es ist schließlich die einzige Schule Offenbachs ohne Turnhalle. Aber offenbar besteht neuerlich Gesprächsbedarf. Mit der neuen Schulleitung seien künftige Ziele abzustecken. Und da greift wohl wieder ein bekannter Satz. Nicht alle Wünsche sind erfüllbar...

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