Gegen plumpen Bogen

Offenbach -  Eine Brücke ist dazu da, Hindernisse zu überspannen -  natürliche, wie den Main etwa  -  und zwei Seiten miteinander zu verbinden. Ein solches Bauwerk sorgt selten für Spannungen. Außer, wenn es marode ist und ein neuer Brückenschlag erforderlich wird. Von Martin Kuhn

Zwischen Offenbach und Fechenheim ist das dringend nötig. Das Verkehrsministerium in Wiesbaden gibt den Takt vor: Definitiv zum 1. Januar 2013 will es die Carl-Ulrich-Brücke dicht machen. Offenbach sperrt sich nicht gegen eine neue Fluss-Querung, jedoch gegen einen „Beton-Monolithen“, der wuchtiger ausfällt als die bestehende, relativ leicht wirkende Brücke.

Es ist ein langwieriger Prozess, der sich nicht allein um eine baufällige Brücke dreht. Seit gut zwei Jahren geht es um Planungsrecht, Planfeststellungverfahren, Stellungnahmen und Einspruchsfristen. Anfang Juli ist eine solche ausgelaufen. Das hat die Verwaltung veranlasst, ein neuerliches Papier zu verfassen – vorbehaltlich der Zustimmung durchs Parlament. Es greift nochmals lokale Argumente auf, die ein Ziel haben. „Wir wollen eine städtebaulich ansprechende Lösung“, formuliert Oberbürgermeister Horst Schneider.

Für die Stadt bildet die Brücke „das nördliche Entrée zur Innenstadt mit der Kaiserstraße als repräsentativer Hauptverkehrsachse mit der denkmalgeschützten Allee“. Ein weiteres Argument: Der Neubau markiere gleichzeitig die „Tür“ ins Hafengebiet, das „zum hochwertigen Stadtquartier mit Wohnen und Arbeiten“ umgestaltet werde. Was zum Argument reifen könnte: Dort soll zudem eine hessische Kreativ-Schmiede der Formensprache des Designs neu entstehen – die Hochschule für Gestaltung.

Aber ist’s denn flehender Appell oder berechtigte Forderung? Da gehen die Meinungen auseinander. Eine Entscheidung darüber wird auf jeden Fall nicht im Offenbacher Rathaus getroffen. Das auf 13 Millionen Euro taxierte Bauvorhaben bezahlt Wiesbaden, da eine Landesstraße über die Carl-Ulrich-Brücke führt. Für den Neubau zeichnet das Amt für Straßenbau und Verkehrswesen (ASV) Frankfurt verantwortlich. Beide setzen auf eine kostengünstige Variante, die Stadt auf eine ästhetische Ausführung. „Die ausgewählte Gestaltung als gevouteter (= mit dreieckförmiger Abschrägung des Auflagers) Balken stellt einen massiven Eingriff in das Stadt- und Landschaftsbild dar“, so die Offenbacher. Sie sehen einen plumpen Entwurf und deutlichen Qualitätsverlust. Ihr Vorschlag: ein Bogen oder eine Schrägseil-Konstruktion.

Nun ist es fraglich, ob sich diese unterschiedlichen Vorstellungen vereinbaren lassen. „Wir hoffen auf einen Kompromiss“, sagt Bauamtsleiterin Susanne Schöllkopf. „Wir kommen nach Offenbach und stellen die Gestaltung vor – etwa Geländer und Laternen“, sagt Dr. Yvonne Binard-Kühnel, zuständige Projektplanerin des ASV. Es ist nicht die einzige Diskrepanz. Während in der lokalen Bauverwaltung von etwa 30 Monaten Bauzeit die Rede ist, mag sich die Straßenplanerin nicht festlegen: „Wir lassen gerade eine exakte Bauzeitenangabe erstellen.“ Für Dr. Binard-Kühnel steht jedoch fest: „Wir wollen die Total- Sperrung der Carl-Ulrich-Brücke so kurz wie möglich halten.“ Und eins darf auf keinen Fall sein: Beeinträchtigung der Binnen-Schifffahrt.

Daher entstehen zunächst zwei provisorische Fundamente beidseits der Carl-Ulrich-Brücke. Auf dem einen montieren Firmen die neue Brücke. Auf das andere heben sie in der entscheidenden Phase das alte Bauwerk, um Platz zu schaffen für den neuen Bogen. Dieser ruht künftig nur noch auf zwei Pfeilern, um mehr Platz für Schiffe zu schaffen. Dann ruht aber zunächst der Straßenverkehr...

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