Schuhmachermeisterin Siegrid Trost

Gegen Sondermüll an Füßen

+
Sigrid Trost in ihrem Element: Die 40-jährige Schuhmachermeisterin arbeitet an derselben Maschine, mit der schon ihr Vater Helfried Schuhe wieder in Tritt gebracht hat.

Offenbach - Traditionsgeschäfte und Handwerker werden selten in Offenbach. Schuh Trost am Kleinen Biergrund bleibt. Sigrid Trost ist die dritte Generation. Ihre Fähigkeiten schätzt man sogar im Ausland. Von Veronika Schade 

Frauen wird gern nachgesagt, einen Schuhtick zu haben. Bei Sigrid Trost trifft das durchaus zu – aber ganz anders als erwartet. Weder verbringt sie Stunden in Schuhgeschäften, noch bunkert sie die Treter massenhaft im Regal, um sie doch nur einmal anzuziehen. Sie besitzt nur wenige Exemplare – die ihr jahrzehntelang gute Dienste leisten. „Gerade habe ich mir ein neues Paar angefertigt“, sagt sie und zeigt zwei robuste, aber edel und hochwertig wirkende Schuhe aus schwarzem, fein vernähtem Leder. Trost ist Schuhmachermeisterin mit Leib und Seele, eine von nur sechs Frauen mit diesem Titel in ganz Deutschland. Ihr Fachgeschäft Schuh Trost am Kleinen Biergrund gehört zu den traditionellsten in Offenbach. 1949 vom Großvater gegründet, führte es ihr Vater Helfried bis ins Jahr 2000 – und erarbeitete sich den Status einer Offenbacher Institution. Auf so manchem Hessentag oder historischem Fest verkörperte er im Renaissancekostüm den Nürnberger Poeten und Schuster Hans Sachs, – sein Bild ist noch heute auf dem Geschäftsschild zu sehen – , erklärte mit Wort und Tat sein Handwerk. Das Deutsche Leder- und Schuhmuseum hat ihm zahlreiche Repliken historischer Treter zu verdanken.

Stapelweise Arbeit bedeuten die Schuhreparaturen, die sich nicht nur auf teure Edeltreter beschränken.   

Da auch Mutter Margarete im Betrieb arbeitete, wuchs Tochter Sigrid mitten in der Welt von Absätzen, Sohlen, Leisten und Leder auf. „Mein Vater wollte ursprünglich, dass ich einen Büroberuf lerne“, erinnert sich die 40-Jährige. „Das habe ich ein Jahr gemacht, merkte aber, das ist nicht meine Welt. Ich bin Handwerker.“ Das stellte sie eindrucksvoll unter Beweis, erwarb neben dem Meisterbrief als Schuhmacherin auch einen als Orthopädieschuhmacherin. Ohne Emotionen funktioniert ihr Geschäft nicht. „Wenn Leute Schuhe zum Reparieren bringen, haben sie meist ein besonderes Verhältnis zu ihnen“, zeigt ihre Erfahrung. Denn finanziell gesehen lohnt sich eine Reparatur nicht immer im Vergleich mit einem Neukauf. „Ein Kunde gab mir mal seine ,Glücksschuhe‘ zur Restauration, die er viele Jahre trug. Ich musste fast alle Teile austauschen, sie neu zusammenbauen. Er wollte sie unbedingt weiterhin haben“, erzählt Trost. Ihre Augen leuchten, wenn sie hochwertiges Schuhwerk in die Hände bekommt. „Wunderschön“, sagt sie angesichts eines Cordovan-Schuhs aus feinstem Pferdeleder, den sie zur Reparatur bekommen hat, behandelt ihn vorsichtig wie einen Schatz. Noch mehr freut sich die zweifache Mutter über Maßschuh-Aufträge; machen diese doch nur noch einen kleineren Teil des Geschäfts aus. Stammkunden kommen aus der ganzen Region, aber eigens auch aus Südafrika und den USA. „In bestimmten Kreisen, etwa auf Manager-Ebene, sind Maßschuhe ein Muss“, weiß Trost. Das habe Gründe: „Ein guter Schuh erzeugt Haltung. Man geht und steht damit ganz anders, selbst der Klang ist ein völlig anderer.“ Über schlechte Schuhe ärgert sie sich umso mehr: „Wir haben lebenslang nur ein Paar Füße, und das können Sie kaputt machen. Die Leute stecken sich oben vollwertige Kost rein, aber unten tragen sie Sondermüll.“ Die Haut als Transportorgan leite alle Schadstoffe in den Körper.

Gute, handangefertigte Schuhe haben ihren Preis. „Bei etwa 1800 Euro geht es los“, so die Offenbacherin. „Dafür sind sie was fürs Leben“, verspricht sie. Zehn bis 20 Jahre seien der Mindestanspruch. Mindestens vier Monate dauert ihre Herstellung. Zum Alltag gehören die Ausbildung von Lehrlingen, der Verkauf von Einlagen, Schnürsenkeln und Fußpflegebedarf und orthopädische, aber auch allgemeine Beratung. „Man sollte Schuhe nicht jeden Tag anziehen, sondern sie zwischendurch eine Nacht und einen Tag ruhen lassen“, empfiehlt die Fachfrau, die in 23 Berufsjahren fast alles gesehen hat. Dennoch wird ihr nie langweilig. So landen in ihren Händen auch Lederartikel wie Taschen oder Reitzubehör. Selbst der ein oder andere Fetischkunde hat schon vorsichtig angefragt und sich Halsbänder oder Ähnliches herstellen lassen. Sorgen bereitet ihr, dass es fast unmöglich sei, gute Lehrlinge zu finden. Die Kundenzahlen dagegen seien recht stabil. „Es gibt immer weniger Schuhmacher, deshalb glaube ich an unsere Zukunft“, sagt die Meisterin im Hinblick auf ihr Geschäft. Eine vierte Generation Schuh Trost also scheint realistisch.

Mehr zum Thema

Kommentare