Gegenseitig profitieren

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Bringen sich gegenseitig weiter: Die Paten Annam, Swer und Lennart und ihre Kindergartenkinder.

Offenbach - „Ich wäre froh gewesen, damals selbst so einen Paten gehabt zu haben. “ Swer Adil, 14, ist eine von 24 Schülern, die an der Aktion „Zusammen wachsen“ teilnehmen. Sie zieht sie nicht nur Resümee, sie bestätigt auch die Wichtigkeit ihrer eigenen Arbeit. Von Silke Gelhausen-Schüßler

In der Kita 3 betreut sie im zweiten Jahr ein Patenkind. Als sie selbst dort hinging, war Deutsch für sie zwar kein Problem, aber sie war zu schüchtern, um auf andere Kinder zuzugehen. Die soziale Entwicklung zu unterstützen, ist willkommener Nebeneffekt, im Mittelpunkt des Projekts „Paten für Kindergarten-Kinder“ steht aber spielerische Unterstützung beim Erlernen der deutschen Sprache.

Da so ein Projekt hauptsächlich von Mund-zu-Mund-Propaganda lebt – bei Swer war schon die ältere Schwester Patin – ist es vorteilhaft, der Öffentlichkeit Erfahrungen aus erster Hand anzubieten. Wie jetzt beim deutschlandweiten Aktionstag, der vom Bundesfamilienministerium und der Integrationsbeauftragten Prof. Dr. Maria Böhmer unterstützt wurde. In Offenbach sind die Kitas 1, 3, 4, 16, 18 und der frei-religiösen Kindergarten beteiligt. Inge Falb-Siemon von der Lokalen Agenda 21 und Kita 3-Leiterin Christa Walliczek stellen das Projekt vor. Mit im Boot sind die Lehrerinnen Siegrun Hast-Laier von der Albert-Schweitzer-Schule und Maren Schöne von der Leibnizschule. Sie fungieren als lebenserfahrene Mentorinnen, die sowohl ihren Schülern als auch den Eltern der Kinder bei Problemen zur Seite stehen.

Spielerisch Verantwortung übernehmen

Die Schüler kommen an einem festgelegten Nachmittag in der Woche in die Kita, sprechen, basteln, spielen und singen mit ihrem Patenkind. Dabei profitiert nicht nur das kleine Kind, sondern auch das große: Durch die ehrenamtliche Aufgabe werden die Jugendlichen spielerisch an die Übernahme von Verantwortung herangeführt und lernen außerdem ein interessantes Arbeitsgebiet kennen. Das System funktioniert schon im elften Jahr.

Swer hat ein Jahr lang die sechsjährige Direm betreut. Die spricht zu Hause mit Mama türkisch, mit Papa deutsch, da kam die Unterstützung der engagierten Gymnasiastin genau richtig. Direm würde Swer am liebsten noch länger behalten. Da die Patenzeit aber auf ein Jahr begrenzt ist, ist nun Medina dran. Die fünfjährige hat ebenfalls türkische Wurzeln und war anfangs sprachlich noch zurückhaltender als Direm. Im ersten Kita-Jahr hat sie kein einziges Wort über die Lippen gebracht. Inzwischen hat sie sich ein bisschen geöffnet, geht aber noch nicht auf andere zu. Dass Swer jetzt ihre Patin ist, festigt ihr Selbstbewusstsein.

Vorschulerziehung wichtig

Einer der wenigen Paten-Jungen ist Lennart Kehl. Er ist nach einem Schülerpraktikum in der Kita „hängen geblieben“ und betreut seit vier Wochen den philippinischen Jirehl. „Die Betreuung macht mir sehr viel Spaß, ich überlege sogar, Erzieher zu werden“, sagt er. Auf die Frage, wie denn seine Freunde auf die für einen 15-jährigen ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung reagieren, kommt eine eher ernüchternde Antwort: „Manche machen sich lustig, andere sind neutral, wirklich interessieren tut sich keiner dafür.“ Dabei werden männliche Bezugspersonen in der weiblich dominierten Erziehungswelt dringend gesucht.

Annam Haider ist wie ihre Mitpaten Schülerin der Leibniz-Klasse 9e und hat wie Swer Eltern pakistanischer Herkunft. Ihr zweites Patenkind Ogulcan ist Direms Zwillingsbruder. Annam: „Anfangs war es ein bißchen schwierig mit ihm, weil er nur mit den anderen Jungs toben wollte. Inzwischen spielen wir aber miteinander verschiedene Brettspiele, Puppentheater und Fangen.“

Entstanden ist das Projekt aus der Studie „Interkulturelles Lernen und Entwicklung einer Bildungsregion Offenbach Innenstadt“ im Auftrag des städtischen Präventionsrats. In dieser Studie wies Politologie-Professorin Dr. Ingrid Haller 2001 eindringlich auf Probleme im Vorschulbereich der Zuwandererstadt hin. Damit rückte sie die Vorschulerziehung ins politische Blickfeld.

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