Da geht die Sonne auf

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Handwerkermarkt und verkaufsoffener Sonntag locken Tausende in die Innenstadt.

Offenbach ‐ Vor ein paar Jahren besuchte Getränkehändler Hans Peter Kampfmann ein Fest in Stralsund. Da ihm die Veranstaltung gefiel, erzählte er Klaus Kohlweyer davon. Gemeinsam ging’s zum Fest des selben Veranstalters in Wetzlar. Von Stefan Mangold

„Wir dachten, das könnte etwas für Offenbach sein...“ Und tatsächlich: Der Gewerbeverein Treffpunkt Offenbach organisiert in diesem Jahr mit der Firma schon den dritten Handwerkermarkt. Schmiede, Seiler, Besenbinder oder Korbflechter führen bis kommenden Samstag ihre Handwerkskunst vor.

Doch im Zentrum steht die „Taverne“, eine überdachte Freiluftkneipe. Zur Eröffnung reihen sich Mitglieder des Gewerbevereins an die Tische. „Jedes neue Fest ist ein Risiko“, erklärt Kohlweyer, dessen Firma für Strom und das kleine Geschäft zuständig ist. „Entweder es heißt hopp, oder es gibt auf die Mütze.“ Bislang muss sich Kohlweyer keine Sorgen machen – das milde und trockene Wetter lockt in die Innenstadt.

Bergkäse und Wurstwaren aus Tirol

Natürlich finden sich auch die obligatorischen Würstchenstände, jedoch nicht in Form von Imbisswagen. Die Thüringer- und Rindswürte brutzeln auf einem runden Rost über glühenden Holzkohlen. „Mein Lieblingsstand“, verrät Friseurmeister Peter Caligari. Ganz wichtig: Billig soll das Fest rund um den Aliceplatz keinesfalls wirken. Wer mit rosa Zuckerwatte in der Hand über den Platz laufen will, findet keinen passenden Stand. „Offenbach braucht Qualität“, betont Kohlweyer, „und dafür geben die Leute auch Geld aus.“

Von hoher Qualität ist etwa der Bergkäse, den der Lübecker Ludwig Dreikorn neben Wurstwaren aus Tirol und frisch bereiteten Raclette-Pfännchen feilbietet. Zwei Jahre muss ein alter Vorarlberger Bergkäse nach einem bestimmten Prozedere lagern, „um so viel wie möglich Wasser zu verlieren.“ Die Vorbeigehenden probieren. Urteil: ein angenehm würziger Geschmack. Eine Offenbacherin lässt sich deshalb ein Pfännchen mit Brot zubereiten. Ihr Gatte will keins, „bei mir muss der Käse mindestens 48 Prozent Fettanteil haben.“ Mit knapp der Hälfte ist der Bergkäse nichts für den Mann. Dafür greifen gestern um so mehr Passanten zu.

„Den verkaufsoffenen Sonntag dürfen wir nur im Zusammenhang mit einer großen Veranstaltung genehmigen,“ sagt Stadtrat Paul-Gerhard Weiß. Ende Mai galt die 15. Offenbacher Woche als Grund, am letzten Oktobersonntag der Handwerkermarkt. „In den sechs Stunden erzielen wir 80 Prozent des Umsatzes eines Samstags“, spricht Christina Baudach, Vorsitzende des Gewerbevereins und Geschäftsführerin der Galeria Kaufhof, die wirtschaftliche Komponente an. „Es lohnt sich, auch wenn wir Zuschläge zahlen müssen.“

Kundschaft nicht nur aus Offenbach

Besser kann an diesem Sonntag das Wetter nicht sein. Der Rubel scheint noch schneller zu rollen als im Mai. Christina Baudach zieht schon nach einer Stunde eine erste gefühlte Bilanz, „mit Ladenöffnung ging der Andrang los – vor allem in der Parfümerie“. Auch ins KOMM strömen die Leute, als gäbe es kein Morgen mehr. In der Buchhandlung Thalia sieht Kerstin Buchner, stellvertretende Leiterin, schon nach einer halben Stunde, „dass es sehr gut zu laufen scheint.“ Im Untergeschoss schminkt Annette Ellinghaus-Balasa Kinder, die zu Halloween möglichst gruselig aussehen wollen.

Die Kundschaft in der Fußgängerzone kommt gestern nicht nur aus Offenbach. Den weitesten Weg hat wohl Karin Schwarz hinter sich. Die gebürtige Offenbacherin zog es vor zwanzig Jahren ins norditalienische Udine. Jetzt traut sie beim Besuch in der Heimat ob des Trubels ihren Augen nicht: „Das wäre früher gewesen, als ginge die Sonne im Westen auf.“

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