Finanzaffäre beim Kleintierzüchterverein

Wo ist das Geld der Stadt?

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Still ruht auch in dieser Woche die Baustelle der Ausstellungshalle des Offenbacher Kleintierzüchtervereins. Die ausführende Firma aus Obertshausen will erst weitermachen, wenn die Rechnungen für bisher erbrachte Leistungen beglichen sind.

Offenbach - Nach den Rücktritten mehrerer Vorstandsmitglieder sucht der 1. Offenbacher Kleintierzüchterverein durch personelle Erneuerung und im Bestreben nach Aufklärung einen Ausweg aus der Misere um verschwundenes Investitionskapital für den Bau seiner Ausstellungshalle. Von Harald H. Richter

Eine außerordentliche Mitgliederversammlung stellte dafür die Weichen. Der Schlamassel ist groß, das Vertrauen in einen Teil des alten Vorstands schwer erschüttert, seit im Zusammenhang mit dem ins Stocken geratenen Bau der neuen Ausstellungshalle ein Untreueverdacht im Raum steht (wir berichteten). Demzufolge ist die Stimmung am Mittwochabend im Vereinslokal der Züchter aufgeheizt und nicht immer sachlich.

Während die Mehrheit um Züchter Werner Piecha lückenlose Aufklärung einfordert und eine personelle Erneuerung will, begleiten Einzelne den Prozess argwöhnisch. Sie wollen die Öffentlichkeit ausschließen, scheitern damit aber. Schließlich geht es um öffentliches Geld: Die Stadt spendiert den Geflügel- und Kaninchenfreunden ein neues Domizil, weil das alte dort stand, wo einmal ein neues Polizeipräsidium entstehen soll.

Versicherungsfachmann Piecha will retten, was zu retten ist. Zunächst informiert er über die Sachlage. „Nebenan steht ein Rohbau, bei dem es nicht vorangeht.“ Die Stadtwerke-Tochter Offenbacher Projektentwicklungsgesellschaft (OPG) lehnt nach Zahlung einer ersten Rate von 100.000 Euro ab, Geld nachzuschieben, so lange der Nachweis über die bisherige Verwendung fehlt. Die Baustelle ruht seit Wochen.

Im Notfall ein Darlehnen

Die vom Kassierer beauftragte Baufirma Rudolph aus Obertshausen hat bisher kaum Geld gesehen. Chef René Rudolph erklärt, sein Unternehmen habe Leistungen von 160 000 Euro abgerechnet, aber außer einem Kleckerbetrag von 8950 Euro nichts erhalten. „Wir sind ein vergleichsweise kleiner Betrieb mit zirka zehn Mitarbeitern und darauf angewiesen, für geleistete Arbeit abmachungsgemäß bezahlt zu werden“, moniert Rudolph. Er beharrt auf Einhaltung des Vertrags über ein Gesamtvolumen von 345.000 Euro: „Notfalls muss der Verein ein Überbrückungsdarlehen aufnehmen.“

Wo das zweckgebundene Geld der Stadt geblieben ist, kann man an diesem Abend weder den Vorsitzenden noch den bisherigen Kassierer fragen. Beide glänzen durch Abwesenheit und haben schriftlich erklärt, ihre Ämter niederzulegen. Auch das Amt des Schriftführers ist vakant geworden. Nur der stellvertretende Vorsitzende Rudi Tiede will weitermachen und an der Aufklärung um die verschwundenen Mittel mitwirken. Im Zusammenhang mit dem Bau war er mehr oder weniger abseits gestellt, so dass er über Verbleib des Geldes und Hintergründe kaum etwas sagen kann. Die Sitzungsleitung überlässt er Piecha. Der konstatiert, es gebe weder ordnungsgemäße Kassenprüfung noch Nachweise, was beim Bauprojekt in den vergangenen zwei Jahren seit Beginn der Planung an Kapital wohin bewegt worden sei.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Untreue

Wegen Verdachts der Untreue sind inzwischen mehrere Anzeigen anhängig. Die Staatsanwaltschaft ermittelt – im Wesentlichen gegen den Vereinskassierer. Der Vorsitzende indes weist jede Verantwortung von sich und fügt seinem Rücktrittsschreiben sogar eine Forderungsaufstellung über Außenstände bei, deren Begleichung er anmahnt.

Die Mitglieder lehnen es mit Blick auf die eingeleiteten Verfahren ab, den zurückgetretenen Vorstandsmitgliedern Entlastung zu erteilen, und wollen die vakanten Positionen umgehend neu besetzen. Bei zwei Gegenstimmen und vier Enthaltungen wird daher Werner Piecha mit großer Mehrheit zum neuen Vorsitzenden des Kleintierzüchtervereins gewählt. Helmut Hohenberger erklärt sich bereit, das Amt des Kassierers zu übernehmen. Zum neuen Schriftführer wird Norbert Munkelt bestimmt.

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Die Versammlung entscheidet außerdem über die Zusammensetzung von Sonderausschüssen, die sich vor allem um das Hallenprojekt sowie die Stromkosten kümmern. Infolge finanzieller Außenstände droht Gefahr, dass dem Verein der Saft abgedreht wird und die Volieren nicht mehr versorgt werden können. Noch diese Woche müssen die Züchter einen vierstelligen Betrag begleichen, den die EVO einfordert. Um größeres Unheil abzuwenden, wird eine Stromvorauszahlung von 100 Euro je Mitglied beschlossen und von den meisten gleich geleistet.

Der stellvertretende Vorsitzende Rudi Tiede stellt klar: „Wer sich der Sonderzahlung verweigert, muss damit rechnen, dass wir ihm den Zugang sperren.“ Schon einmal hatten die Mitglieder eine Umlage leisten müssen, nachdem der Energieversorger infolge von Außenständen angekündigt hatte, seine Lieferungen einzustellen.

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Die Aufarbeitung wird langwierig sein, daran lässt der neue Vorsitzende keinen Zweifel. Schon jetzt ist der Imageschaden enorm. „Ich möchte alles tun, damit nach den Machenschaften in der Vergangenheit unser Verein nicht noch mehr in Misskredit gerät.“ Die Züchter betrieben ihr Hobby ja mit Begeisterung. Das sei einen sauberen Neuanfang wert.

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