„Geldquellen wittern“

+
Harald E. Balló - Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie mit Offenbacher Praxis und Belegstation im Maingau-Krankenhaus.

Offenbach - Mit der Frühjahrsmüdigkeit ins städtische Klinikum, mit der Sommergrippe ins Ketteler-Krankenhaus? Oder doch wie gehabt zum Hausarzt? Von Marcus Reinsch

Der Vorstoß der Hessischen Krankenhaus-Gesellschaft (HKG), in Kliniken angestellte Ärzte künftig bisher ausschließlich bei Hausärzten angesiedelte Aufgaben inklusive der ambulanten Notfallversorgung übernehmen zu lassen, stößt auf wenig Gegenliebe bei der hiesigen niedergelassenen Ärzteschaft.

Deren eigene Dachorganisationen vermuten hinter dem Vorstoß nicht die von HKG-Präsident Peter Römer am Donnerstag verkündete Sorge um die medizinische Versorgung der Hessen, sondern handfeste finanzielle Interessen.

„Wir haben ein funktionierendes ambulantes System und keinen Grund, daran etwas zu verändern“, erklärte Dr. Harald Balló als Vorsitzender des Fachärztevereins Offenbach gestern auf Anfrage. Natürlich sei es wichtig und werde wegen des drohenden Ärztemangels bald noch wichtiger, „sektorale Grenzen“ zu überwinden. Aber das sei keinesfalls möglich, indem man „mit Steuergeldern hochdefizitäre Betriebe subventioniert, die dann den niedergelassenen Konkurrenz machen“. Eine Lösung gebe es nur mit einer Diskussion auf Augenhöhe.

Zeichen, dass „Klinikverband zusätzliche Geldquellen wittert“

Dr. Eckhard Starke, Facharzt für Allgemeinmedizin, Palliativmedizin, Notfallmedizin, hausärztliche Versorgung.

Die fordert auch Dr. Eckhard Starke als Sprachrohr der Offenbacher Allgemeinmediziner. Es sei zwar gut, „wenn niedergelassene Ärzte mit den Kliniken zusammenarbeiten“. Starke selbst beispielsweise ist mit seiner Hausarztpraxis im Ketteler-Krankenhaus etabliert, was bisher eine ziemlich einmalige Konstruktion sei und dank des intensiven Kontakts zu den Klinik-Kollegen „ganz hervorragend“ funktioniere. Aber das für ihn „durchsichtige“ HKG-Angebot sehe er nicht als Aufforderung zur verstärkten Zusammenarbeit, sondern als Zeichen, dass der Klinikverband zusätzliche „Geldquellen wittert“.

Überdies hält er die neue Idee für „praktisch nicht durchführbar“. Zum einen, weil an den Kliniken der für den niedergelassenen Bereich beklagte Personalmangel tatsächlich deutlich werde - „die kriegen nicht alle vorgesehenen ambulanten Operationen hin, möchten aber weitere Bereiche der ambulanten Versorgung übernehmen.“

Zum anderen, weil die Zuständigkeiten in der inneren Medizin an Krankenhäusern mittlerweile dermaßen zersplittert seien, dass es eigentlich nur noch Spezialisten gebe. „In der ambulanten Versorgung brauche ich aber jemanden, der den Patienten generalistisch sieht.“ Zumal es künftig immer mehr alte, multimorbide, also vielfach erkrankte Patienten geben werde. Und die dafür nötigen Generalisten könnten in den Krankenhäusern nicht ausgebildet werden. Es gebe Fähigkeiten, „die man nur in der ambulanten Versorgung lernen kann und nicht in der stationären“.

Facharzt-Sprecher Dr. Harald Balló sieht das etwas anders, gesteht den Krankenhäusern auch allgemeinmedizinische Kompetenz zu. Motivation dürfe allerdings nicht sein, „ein neues Betätigungsfeld zu suchen, um die roten Zahlen aufzubessern“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare