Gelebte Integration

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Vertritt das Neue Forum im Parlament: Mahmut Yigit.

Offenbach - Nur einmal ist Mahmut Yigit fremd gegangen. Für sechs Monate hat er seiner Heimatstadt Offenbach den Rücken gekehrt und in Frankreich ein Praktikum absolviert. Von Katharina Skalli

Abgesehen von diesem Zwischenspiel ist er der Stadt treu geblieben und setzt sich nun als Stadtverordneter für die Interessen ihrer Bürger ein. Seit sieben Monaten sitzt er als einer der jüngsten Parlamentarier und einziger Vertreter des Neuen Forums Offenbach regelmäßig im Stadtverordnetensitzungssaal und versucht, die Geschicke der Stadt zu beeinflussen.

Der 26-Jährige hat nicht den typischen Weg in die Politik genommen. Keine Jugendorganisation einer großen Partei war sein Sprungbrett ins Rathaus, sondern sein enger Kontakt zu den Migranten Offenbachs. Ende 2010 gründeten Interessierte und ehemalige Politiker aus CDU und SPD das Neue Forum Offenbach. Die Mitglieder sahen ihre Interessen in den großen Parteien zu wenig vertreten. Schwerpunkt der Arbeit des Neuen Forums: Integration.

Strukturelle Unterschiede zu den großen Parteien

Die Integrationspolitik der bestehenden Parteien ist der Wählerinitiative zu theoretisch. “Es wird über Integration gesprochen“, sagt Yigit. „Aber tatsächlich Signale gibt es nicht.“ Er und seine Mitstreiter sehen sich als Ansprechpartner für Bürger vor allem für die, deren Herkunftsland nicht Deutschland ist. „Wir sind und wir leben Integration“, sagt Yigit.

Schon im Kommunalwahlkampf im März setzte die Initiative auf ihre Kompetenz in Sachen Integration. Das Team um den jungen Offenbacher nutzt die eigenen Migrationserfahrungen, um andere bei ihrer Integration zu unterstützen. Inhaltlich weiche ihr Parteiprogramm nicht sehr von dem der SPD ab, erklärt Yigit. Aber strukturell unterscheide man sich von den großen Parteien, in denen es neue Mitglieder meist schwer haben, Ämter zu übernehmen oder neue Ideen zu etablieren.

In Offenbach hat fast jeder zweite Bürger einen Migrationshintergrund. Diese Vielfalt ist im Stadtparlament jedoch noch nicht angekommen. Nur etwa zehn Prozent von ihnen sitzen stimmberechtigt in der Versammlung. Auch diese Tatsache will das Neue Forum Offenbach gerade rücken.

Die Türkei, kennt er nur als Urlauber

Dem Wirtschaftsprüfer-Assistenten ist es wichtig, nah „bei den Menschen zu sein“. Regelmäßig besucht er Informationsveranstaltungen, trifft sich zum Gespräch oder ist zur Stelle, wenn seine Hilfe benötigt wird. Kürzlich hat er einem Jugendlichen Asylbewerber geholfen, an einer weiterführenden Schule angenommen zu werden. Yigit überwindet nicht nur die Sprachbarrieren für andere, sondern hilft auch durch den deutschen Bürokratiedschungel, vor dem viele zurückschrecken.

Er selbst ist in Offenbach geboren, das Herkunftsland seiner Eltern, die Türkei, kennt er nur als Urlauber. Dort leben wolle er nicht, erklärt er. Auch seine Eltern, die 1980 nach Offenbach kamen, wollen bleiben. Ihnen ist die Integration gelungen. Was seine Familie anders gemacht habe als andere, die auch nach vielen Jahren in Deutschland noch in einer Parallelgesellschaft leben, kann er nicht genau benennen. Es sei wohl die Einstellung der Eltern gewesen, die früh erkannten, wie wichtig Bildung ist. Auch deshalb spielt dieses Thema eine wichtige Rolle im Parteiprogramm der Wählerinitiative.

„An Integration darf nicht gespart werden“

Als sich Mahmut Yigit ihr vor etwa einem Jahr anschloss, kam ihm nicht in den Sinn, dass er wenige Monate später im Parlament sitzen könnte. Spitzenkandidat war der Vorsitzende Muhsin Senol. Doch die Wähler schickten seinen jungen Stellvertreter ins Rathaus. „Vor meiner Jungfernrede war ich ganz schön aufgeregt“, gibt er lächelnd zu. Nach etwa sieben Monaten im Amt weiß er „wie der Hase läuft.“ Die Vertreter der anderen Parteien sieht er nicht als Konkurrenten oder gar Gegner. Er und die etwa 70 Mitglieder der Wählerinitiative wollen ein weiterer, kompetenter Ansprechpartner sein. Ihr erstes großes Ziel ist die Wahl eines hauptamtlichen Stadtrates für Integration als zentrale Stelle für Migranten, Vereine und Integrationsprojekte. „An Integration darf nicht gespart werden, vor allem nicht in Offenbach“, sagt Mahmut Yigit. Wie die Finanzierung dieses Postens konkret aussehen soll, weiß er noch nicht, aber nicht mit allen Ausgaben der Stadt ist er einverstanden. Viel Geld sieht er nicht sinnvoll eingesetzt.

Sein Enthusiasmus ist dem ehemaligen Schüler der Rudolf-Koch-Schule anzusehen. Die neuen Aufgaben sind Herausforderung und Herzensangelegenheit zugleich. „Eigentlich will ich nur helfen“, meint er. Dabei ist ihm bewusst, dass sich Integration von zwei Seiten aufeinander zu bewegen muss, wenn sie funktionieren soll. Sowohl die Migranten als auch die Gesellschaft müssten noch mehr leisten, damit diese große Aufgabe gelingt und die Vielfalt Offenbachs gelebtes Potenzial wird.

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