Widerstand von Nachbarn

Gemaa-Kerb: Keine Lust aufs Kulturgut

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Der Dag-Hammarskjöld-Platz vor der Stadthalle mutiert erstmals vom Park- zum Rummelplatz. Zum Leidwesen der Anwohner.

Offenbach - Die Anwohner des Dag-Hammarskjöld-Platzes nehmen es nicht nur „mit Entsetzen“ zur Kenntnis, sie beschweren sich auch schriftlich beim Ordnungsamt. Von Thomas Kirstein

Ab Montag ist der unmittelbar vor ihren Haustüren liegende Parkplatz an der Stadthalle für seinen eigentlichen Zweck gesperrt, weil er fürs darauf folgende Wochenende in einen Rummelplatz verwandelt wird.

Ein „1. Frankfurt-Offenbacher Förderverein der Volksfestkultur“ teilt den Nachbarn mit, er gedenke, vom 27. bis zum 30. Juli auf der Fläche die „Gemaa-Kerb Tempelsee“ zu veranstalten. Eine solche fand bis vor rund zehn Jahren gegenüber am Nassen Dreieck statt, wurde dann mangels Zuspruch aufs Vereinsgelände des Fußballvereins Gemaa verlegt.

Bewohner des Stadtteils sind am Neuauflage-Versuch nicht beteiligt. Die Siedlergemeinschaft Tempelsee hat nach Auskunft ihrer Vorsitzenden Gertrud Marx nichts damit zu tun, der Sportverein oder eine Kirchengemeinde sind auch nicht eingebunden.

Die neue „Gemaa-Kerb“

Die neue „Gemaa-Kerb“ auf einem Platz, der bisher noch nie als Festgelände diente, ist Kind einer Gemeinschaft von Schaustellern. Auf Anfrage unserer Zeitung erklärt Vorsitzender Jürgen Spahn das Ziel des Vereins: „Die Volksfeste sind wesentliches Kulturgut und als solches von der Bundesregierung und der EU anerkannt und schützenswert. Unser Verein hat sich dies auf die Fahne geschrieben und möchte Traditionsveranstaltungen im Sinne der Besucher wieder aufleben lassen und weiterführen.“

Im Sinne der Nachbarn ist das Projekt freilich nicht, wenngleich Spahn nur positive Resonanz festgestellt haben will. Unserer Zeitung liegen schriftliche Beschwerden ans Ordnungsamt vor. Anwohner Tobias Wagner beklagt sich über vorauszuhörenden Volksfestlärm, der sich zur üblichen Lärmbelästigung durch Flugzeuge und Verkehr gesellen werde; außerdem befürchtet er Verschmutzungen seines möglicherweise nicht mehr frei zugänglichen Grundstücks; der Wegfall von Parkplätzen ist ein anderes Thema.

Veranstaltung fragwürdig

Walter Greß hat ebenfalls diese Argumente parat, hält zudem den Platz für generell ungeeignet und die Veranstaltung für fragwürdig: „Sie dient weder traditioneller Kultur noch öffentlichem Interesse, sondern ausschließlich kommerziellen Zielen des Veranstalters – und das zu Lasten der Anwohner.“

Ins gleiche Horn stößt Karl-Heinz Hofmann, der am Brunnenweg wohnt. Leider ziehe eine solche Kerb „sehr unterschiedliches Publikum“ an, meint er. Er verlangt eine Absage seitens der Stadt, der er eventuell entstehende Reinigungskosten in Rechnung Stellung will. Nachbar Wagner kann sich an die telefonische Ordnungsamts-Antwort „Da haben wir wohl einen Fehler gemacht“ erinnern. Amtsleiter Peter Weigand kann diese nicht gegeben haben. Er gibt klipp und klar zu, dass seine Behörde gar keine andere Wahl gehabt habe, als die Veranstaltung zu gestatten: „Unser Ermessen liegt da bei null.“ Volksfeste seien üblich und genössen ein gewisses öffentliches Interesse, weshalb sie zuzulassen seien; das Gebiet an der Stadthalle könne nicht als überbelastet gelten, eine einschränkende Satzung wie für die Innenstadt gebe es für dort nicht.

Um 22 Uhr soll das Licht ausgehen

„Ansonsten dürfen sich Veranstalter öffentliche Flächen aussuchen, da spielt es keine Rolle, ob da ein Parkplatz ist, die wirtschaftliche Betätigung muss ihnen ermöglicht werden“, fasst Weigand die Rechtslage zusammen. Das Nasse Dreieck auf der anderen Waldstraßenseite, wo früher gefeiert wurde, scheide wegen der Ansprüche der Stadthalle aus. Strenge Auflagen kann das Ordnungsamt hingegen erlassen: So soll am Dag-Hammarskjöld-Platz genauestens kontrolliert werden, dass um 22 Uhr das Licht ausgeht.

Dafür sorgen muss der „Marktmeister“ des „Fördervereins der Volksfestkultur“. Alois Erkrath ist in Sachen Rummel in Offenbach kein Unbekannter. 2009 irritierte er die Veranstalter der Bürgeler Kerb, als er unter dieser Flagge einen kleinen Vergnügungspark am Allessa-Gelände einrichtete, 2010 ging sein Versuch mit einem „Maimarkt“ auf dem Rosenhöhe-Parkplatz daneben. Jetzt gibt er sich zuversichtlich, dass es in der Gemaa was wird: „Wir wollen altbekannte Traditionsveranstaltungen, die am Boden liegen, wieder aufbauen.“ Die Anwohner-Resonanz sei jedenfalls gut, sagt auch er.

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