Unsichtbare Nachhaltigkeit

Erstes fünfgeschossiges Holzhaus Hessens gebaut

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Eine beispielhafte Immobilie: Das fünfgeschossige GBO-Haus, das gestern eingeweiht wurde, besteht zu 70 Prozent aus Holz. Die Mieter der insgesamt 25 Wohnungen können im Wege des Car-Sharing gegen Gebühr einen Elektro-BMW ausleihen, der samt Ladestation gestern ebenfalls schon bereit stand.

Offenbach - Die Gemeinnützige Baugesellschaft Offenbach (GBO) hat an der Taunusstraße ein fünfgeschossiges Wohnhaus in Holzmassivbauweise errichtet. Es ist das erste seiner Art in Hessen. Gestern wurde es eingeweiht. Von Matthias Dahmer

Wer von den mehr als 100 Gästen an diesem Vormittag im Nordend erwartet hatte, dass der Neubau auch nach Holzhaus aussieht, der wurde enttäuscht. Weder in den Wohnungen noch an der Fassade ist erkennbar, dass die als beispielhaft geltende Immobilie zu 70 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen gebaut ist. Lediglich ein Teil der Außenwände ist mit lasiertem Fichtenholz verkleidet, dass der überwiegende Rest aus dem gleichen Material besteht, verdecken, dem Brandschutz geschuldet, hell verputzte Flächen.

So ganz ohne Beton und Stahl ging es indes nicht: Die Geschossdecken bestehen ebenfalls aus Gründen des Brandschutzes aus einem Verbund von Holz und Beton, die Kellergeschossdecke und die zwei Treppenhäuser sind aus Stahlbeton. Jedes Geschoss wurde aus 16 vorgefertigten Wandelementen in nur acht Tagen hochgezogen.

Die Belastungen der Anwohner durch die Baustelle sowie der Platzbedarf für Baugeräte, betont Dirk Böttcher, technische Prokurist bei der GBO, hätten durch diese Systembauweise auf ein Minimum reduziert werden können. Bei der Lebensdauer, versichert er, könne es das Holzmassivhaus mit üblichen Häusern ohne weiteres aufnehmen. Man gehe von 80 Jahren und mehr aus.

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Für GBO-Chef Winfried Männche ist diese Bauweise ideal für eine innerstädtische Nachverdichtung. So steht denn auch der von weiteren GBO-Immobilien umgebene Neubau unweit des Nordrings auf Teilen einer ehemaligen Grünfläche. Vor einigen Jahren sei ein Holzhaus solcher Größe für sein Unternehmen noch undenkbar gewesen, sagt Männche. „Wir haben uns darauf eingelassen und hatten nach nur drei Monaten die Baugenehmigung. Und das war keine Lex GBO.“

Wie Prokurist Böttcher berichtet, habe die GBO den Bau dreier weiterer viergeschossiger Holzhäuser ausgeschrieben. Für die Bauvorhaben in Liebig-, André- und Richard-Wagner-Straße seien bislang, vermutlich wegen fehlender Kapazitäten infolge des Baubooms, keine Angebote eingegangen.

Das aktuelle Haus hat, im GBO-Auftrag, das Chemnitzer Unternehmen B&Q Wohnungswirtschaft errichtet, das architektonische Konzept stammt vom Darmstädter Büro Hirschmüller. Weil die Errichtung von mehr als dreigeschossigen Gebäuden in Holzbauweise bislang baurechtlich nicht abschließend geregelt ist, wurde das Pilotprojekt an der Taunusstraße als Sonderbau genehmigt.

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Was bei dem Neubau Nachhaltigkeit bedeutet, rechnen die Architekten eindrücklich vor: Durch die verbauten 350 Kubikmeter Holz werde zum einen der Einsatz CO2-intensiver Baustoffe deutlich vermindert. Zum anderen seien 350 Tonnen CO2 dauerhaft im Bauwerk gespeichert, was etwa dem Speichervolumen von 500 Fichten mit einer Höhe von 35 Metern un einem Alter von 100 Jahren entspreche. Eine vergleichbare Menge CO2 produzierten 180 Pkw pro Jahr, heißt es.

Doch nicht nur beim Gebäude hat die GBO neue Wege beschritten. Einer der nachzuweisenden 13 Pkw-Stellplätze ist bereits belegt. Dort steht ein BMW i3 samt Ladestation, den die Mieter via Smartphone-App buchen können – nach dem Prinzip des Car-Sharings vom Anbieter, der Münchner Firma eeMobility. Pro Stunde kostet der edle Stromer 2,95 Euro, für einen ganzen Tag werden 29,95 Euro verlangt.

Um Kostendeckung zu erreichen, so bedauert Winfried Männche, würden die Tarife ab Juli indes steigen. Er kann sich trotzdem vorstellen, dass das Car-Sharing-Angebot nach einem halben Jahr Testphase auch auf GBO-Mieter der näheren Umgebung ausgedehnt wird.

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