Geniestreich - oder auch nur Streich

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Neuer ehrenamtlicher Magistrat: Ferdi Walther, Stephan Faerber, Marianne Hermann, Günther Hammann, Wilfried Jungbluth, Jürgen Lassig.

Offenbach - Echte Überraschungen sind im Offenbacher Stadtparlament eine Rarität. Wie eindringlich auch immer Eingeweihte auf eiserne Verschwiegenheit eingeschworen sind - fast immer erweist sich die parteipolitische Buschtrommel schon weit vor dem großen Moment der Offenbarung als verräterisches Instrument. Von Marcus Reinsch

Dass das FDP-Urgestein Ferdi Walther am Donnerstagabend ohne jegliches Vorab-Gerücht und wider jede Wahrscheinlichkeit in den ehrenamtlichen Magistrat gewählt wurde, darf vor diesem Hintergrund als Geniestreich gewertet werden.

Oder auch nur als Streich, je nach Sichtweise. Denn Walther mopste damit der CDU ihren sicher geglaubten zweiten Magistratsposten. Für den war Erik Lehmann, der den Sessel des Stadtverordnetenvorstehers jüngst für seine Parteikollegin Sieglinde Nöller räumen musste, vorgesehen.

Erst kurz vor knapp als Kandidat benannt

Lehmann bleibt nun auf der Strecke, heißt: in der CDU-Fraktion, in die er Ende März vom Wahlvolk als einer der Kandidaten mit den meisten Stimmen unter allen Bewerbern geschickt worden war. Seine Schlappe verwunderte ihn zwar offensichtlich ebenso wie die anderen Christdemokraten. Sie verleitete ihn aber nicht zum trotzigen Verzicht auf alle Funktionen. Er fühle sich auch auf dem Fraktionsfeld richtig und dem Willen der Wähler verpflichtet, quittierte er mit einigem staatsmännischem Gleichmut.

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Seit jeher ein Unruheherd

Die FDP-Fraktion hatte den nach Jahrzehnten in Ämtern bekanntlich mit allen kommunalpolitischen Wassern gewaschenen Ferdi Walther erst kurz vor knapp als Kandidat für den Magistrat benannt. Das sei auch ganz normal, betonte Oliver Stirböck als Fraktionschef der bei der Kommunalwahl auf nur noch drei Mandate gestutzten und von den bisherigen Koalitionspartnern SPD und Grüne in die Opposition geschickten Liberalen. Die FDP habe die Frage nach einem Nachrücker für Walther erst in der Fraktions- und damit kurz vor der Parlamentssitzung mit dem Namen Dominik Schwagereit beantworten können, sagte Stirböck.

Ein Zufall kann das nicht sein

Gemessen an der sonst üblichen Unüberwindbarkeit parteipolitischer und ideologischer Demarkationslinien im Stadtparlament hatte sich Walter zwar in der Theorie genug Stimmen ausrechnen dürfen. Echten Grund zur Hoffnung hätte ihm aber zumindest in den Reihen der jetzt offensichtlich ehrlich betroffenen CDU und der nicht nur gespielt überraschten Koalition wohl niemand bescheinigt - bis zur Verlesung des Ergebnisses. 36 der 71 Stimmen für den Wahlvorschlag der eigentlich über 37 Sitze verfügenden Koalition, 22 für den der CDU und 13 für den der FDP - das lässt keinen anderen Schluss zu, als dass neben der FDP selbst und den beiden erstmals ins Parlament gewählten Abgeordneten der Piratenpartei auch zwei Extreme, Linke und Republikaner, Walther ihre Stimmen geliehen haben.

Ein Zufall kann das nicht sein. der beredte Polit-Stratege Ferdinand Walther muss bei den kleinen Oppositionsgruppen im Vorfeld so geschickt für einen Denkzettel für die bereits für unfairen Posten-Egoismus gescholtene Koalition geworben haben, dass erstere am Ende tatsächlich gemeinsame Sache auf Kosten der CDU machten.

Für die Christdemokraten sitzt nun also nur Günther Hammann im ehrenamtlichen Magistrat. Er trifft dort auf den trickreichen Walther und die Koalitionsvertreter Stephan Faerber und Marianne Hermann (beide SPD), Wilfried Jungbluth (Grüne) und Jürgen Lassig (Freie Wähler).

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