Knackpunkte Inklusion und Seiteneinsteiger

Genug Lehrer in den Schulen?

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Offenbach - Bei insgesamt nach wie vor sinkenden Schülerzahlen wird an der Lehrerzahl in Hessen nicht gerüttelt. Das ist die gute Nachricht zum Schulanfang. Doch an Schulen und in Lehrerverbänden ist trotzdem Grummeln zu hören. Von Peter Schulte-Holtey

„Das Ministerium bemüht sich, aber die Lage ist angespannt“, heißt es. Dabei fällt der Blick vor allem auf die Problemfelder „Inklusion“ und „Seiteneinsteiger-Schüler“. „Auf den ersten Blick startet das neue Schuljahr mit einer guten Lehrer- und Stundenzuweisung“, meint Stefan Wesselmann, Landesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE).

Die Zahlen: Zum Schuljahresbeginn besuchen 767 000 Schüler die hessischen Schulen, 11 000 weniger als im vorangegangenen Schuljahr. Mit 50.000 Stellen liegt die Lehrerversorgung nach Angaben des Kultusministeriums bei 105 Prozent. Im Schulamtsbezirk Stadt und Kreis Offenbach sind jetzt 4 400 Kinder (Stadt Offenbach: 1200; Kreis: 3200) an den Start gegangen. 150 neue Lehrer für alle Schulformen sind dazugekommen. Die Mehrzahl ersetzt Pädagogen, die sich in den Ruhestand verabschiedet haben oder sich ersetzen ließen.

Herausforderung Inklusion: VBE-Chef Wesselmann ist davon überzeugt, dass ein zweiter Blick auf die Hessen-Zahlen lohnt. „Machen wir uns nichts vor: Wenn einer normalen Grundschule knapp acht Unterrichtsstunden zusätzlich zugewiesen werden, dann ist dieses kein Allheilmittel, vor allem mit Blick auf die zahlreichen täglichen Herausforderungen.“ So müsse an Schulen für die Integration von behinderten Kindern (Inklusion) teils auf die zusätzliche Zuweisung zurückgegriffen werden.

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Was Wesselmann zudem wurmt: Durch die vom Ministerium verkündete „105-prozentige Lehrerversorgung im Landesschnitt“ entstehe der Eindruck, dass alle Schulen viel mehr Unterrichtsstunden anbieten könnten. Der Lehrervertreter: „Schulen, die auch früher schon für besondere Aufgaben, zum Beispiel für Schwerpunkte in Fächern wie Sport, Musik oder Naturwissenschaften eine besondere Zuweisung erhielten, bekommen gar nicht so viel mehr. Am meisten profitieren Schulen, die bisher keine besonderen Schwerpunkte herausgebildet hatten.“ Die scheinbar „satte Lehrerzuweisung“ dürfe zudem nicht darüber hinwegtäuschen, dass längst nicht alle Lehrerstellen besetzt seien. Wesselmann: „Nicht nur im Förderschulbereich fehlen viele entsprechend ausgebildete Lehrkräfte. Bei weitem nicht alle Schulen bekommen auch die Lehrkräfte, die ihnen gemäß Zuweisung zustehen. Das trifft dann mitunter auch den ohnehin sensiblen Bereich der Inklusion.“ In einigen Fächern im Sekundarstufenbereich und in der Sonderpädagogik gebe es weiterhin einen Lehrermangel. Der VBE-Chef: „Das zeigt doch, man muss dringend über die Attraktivität des Berufes nachdenken.“

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Herausforderung Seiteneinsteiger: Ein Problemfeld, mit dem Hessens Lehrerschaft vor allem in Rhein-Main massiv konfrontiert wird, ist die Unterrichtung von schulpflichtigen Kindern bzw. Jugendlichen mit Migrationshintergrund (Seiteneinsteiger), die im Laufe eines Schuljahres aus ihrem Heimatland kommen und ohne Deutschkenntnisse ins Schulsystem integriert werden sollen. Musste das Staatliche Schulamt in der Stadt Offenbach 2013 noch 13 Intensivklassen für Seiteneinsteiger einrichten, sind es zum Schuljahr 2014/15 schon 17, davon allein vier an der Bachschule. In Offenbach sind 162 Plätze in Intensivklassen zu Schuljahresbeginn vorhanden, im Kreis 89.

Die Vorgehensweise: In Intensivklassen werden bis zu 16 Schüler, die keine Deutschkenntnisse haben, zusammengefasst. In Sekundarstufe-1-Schulen werden 25 Stunden, in Grundschulen 20 Stunden in der Woche in eigenen Lerngruppen unterrichtet. Dr. Peter Bieniußa, Schulamtsdirektor in Offenbach: „Laut Erlass haben die Schüler das Recht auf ein Jahr intensiven Sprachunterricht, bei Bedarf und mit Zustimmung der Klassenkonferenz können es zwei Jahre werden. Dann steht der Wechsel in den normalen Schulalltag, den sogenannten Regelunterricht, an.“ Neben den Intensivklassen gibt es auch Intensivkurse, in denen Seiteneinsteiger umfangreiche Förderung erhalten. Intensivkurse wurden an Schulen eingerichtet, an denen nur wenige Kinder und Jugendliche ohne Deutschkenntnisse sind. Sie werden in regulären Klassen eingegliedert, sollen separat eine intensive Deutschförderung erhalten.

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Anstrengungen sind unübersehbar; aber ist das Angebot auch ausreichend? Jochen Nagel, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft GEW, hat Zweifel. Mit Blick auf die riesige Herausforderung spricht er von einer „Unterversorgung mit Lehrern“.

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