Zeit ist reif für echte Helden

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Georg Diederichs, Macher des Superhelden-Bildbands.

Offenbach - Superhelden gibt es nicht nur im Film. Auch in der realen Welt sind sie präsent. Als maskierte Helden des Alltags setzen sie sich für Zivilcourage, Kriminalprävention oder Tierschutz ein. Von Alexander Kroh

Georg Diederichs hat einen Bildband veröffentlicht, in dem er deren Arbeit würdigen – aber nicht idealisieren will. Ja, es ist ein bisschen verrückt. Aber: „Unsere Welt braucht viel mehr Verrückte“, meint Georg Diederichs und grinst. Zugegeben, auf die Idee einen Bildband zu echten Superhelden zu veröffentlichen, kommt nicht jeder. Auch Diederichs kam eher zufällig zu dem Vergnügen. Zwar habe er seit seiner Kindheit ein Faible für Comics und Superhelden, berichtet der 58-Jährige. Doch als er im Frühjahr über einen Artikel zu „real life superheros“ stolperte, tat sich ihm eine neue Welt auf.

Echte Superhelden – wo gibt’s denn sowas? Klar, in den USA. Aber nicht nur dort. Die Bewegung breitet sich rasant aus. In Kanada, Mexiko und Argentinien, Australien, Asien, selbst in Europa wurden Helden gesichtet. Im zusehends wachsenden Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit liegt die Wurzel der Bewegung, erklärt Autor Diederichs: „Die weltweite Wirtschaftskrise hat viele Menschen nachhaltig verunsichert und zu sozialer Entwurzelung und Misstrauen gegenüber der Politik geführt.“ Dass die USA eine Vorreiterrolle einnehmen, liege auch an den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

Die Superhelden, die der Offenbacher in seinem Bildband mit Porträts würdigt, haben keine Superkräfte. Es sind ganz normale Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, die in ihrer Freizeit in die Heldenrolle schlüpfen. Alle versuchen sie auf ihre Weise, die Welt ein klein wenig besser zu machen. In den USA sind viele als „crimefighter“ unterwegs, patrouillieren auf Straßen und ermutigen Mitmenschen zur Zivilcourage.

„Mr. Xtreme“ aus San Diego

Einer von dieser Heldensorte ist „Mr. Xtreme“ aus San Diego. In seiner Nachbarschaft wurde eine junge Frau auf offener Straße überfallen, misshandelt und umgebracht. Anwohner hörten die Schreie, doch niemand kam ihr zu Hilfe. Dieses Schlüsselerlebnis war die Geburtsstunde von Mr. Xtreme, der das Porträt der jungen Frau auf seiner Brust trägt. Als Mahnung – damit so etwas nie wieder passiert.

Andere setzen andere Schwerpunkte. „Captain Ozone“ kämpft in Irland für ökologische Projekte, die australischen „Fauna Fighters“ für die Rechte der Tiere. Helden kümmern sich um Obdachlose oder setzen sich für Gleichberechtigung ein.

Doch wozu das Superheldenoutfit? Soziales Engagement zeigen schließlich auch Menschen ohne Maske. Diederichs kennt die Antwort: „Mit einem Kostüm erreicht man viel mehr Aufmerksamkeit. Die Presse zeigt sich interessierter, fängt an zu berichten. Dadurch rückt dann das Problem, das der jeweilige Held thematisiert, in den Fokus.“ Ein großer Teil der Superheldentätigkeit bestehe demnach auch in Öffentlichkeitsarbeit.

Helden des Alltags

Das kam dem gelernten Krankenpfleger Diederichs bei seiner Recherche zugute. „Eine sehr lebhafte Bewegung, und sehr mitteilsam“, sagt der gebürtige Nordhesse über die Szene. Via Facebook hat er Kontakt zu den Helden hergestellt. Einige haben mehrere tausend Fans in dem sozialen Netzwerk. Die Idee, den Helden des Alltags ein Buch zu widmen, kam Diederichs erst im Spätsommer. „Zu dem Thema gibt es in Deutschland absolut nichts. Da habe ich mir gesagt: Du machst jetzt was“, erklärt Diederichs.

Insgesamt 82 Porträts umfasst der 54 Seiten starke Bildband im Magazinformat. Auf Text verzichtet Diederichs weitestgehend, mit Ausnahme einer kurzen Einleitung. Das hebt er sich für eine etwaige Neuauflage auf. „Ich will den Leuten nicht alles erklären, sie sollen selbst neugierig auf das Thema werden und recherchieren“, sagt er.

Der Autor versteht sich selbst allerdings eher als Chronist denn als Aktivist der Bewegung. Bei aller Sympathie verschließt er nicht die Augen vor den negativen Seiten. Besonders die crimefighter in den USA stehen in der Kritik – da sie bisweilen die Grenzen zwischen Zivilcourage und Selbstjustiz überschreiten, sich Polizeibefugnisse anmaßen, die ihnen nicht zustehen. „Eine latente Gewaltbereitschaft ist bei einigen durchaus erkennbar“, findet Diederichs. Das gegenwärtig wieder heiß diskutierte Waffengesetz in den USA führe auch dazu, dass sich Superhelden bewaffnen.

Plädoyer für Zivilcourage und Toleranz

In Deutschland wäre das selbstverständlich schwerer; auch das Tragen einer Verkleidung würde die Deutschen verwirren, glaubt Diederichs. Vielleicht ist das ein Grund, warum die Bewegung an unseren Grenzen Halt macht. Von real existierenden Superhelden hat hierzulande kaum jemand gehört. Diederichs will das – auch mithilfe seines Buches – ändern.

„Real Life Superheros – Echte Superhelden“ von Georg Diederichs gibt es für zehn Euro zu erwerben. E-Mail-Kontakt: zombalak54@yahoo.com

„Die Zeit ist reif für real life superheros in Deutschland“, findet der 58-Jährige. Nicht für Verbrechensbekämpfer à la Mr. Xtreme, die brauche man weniger. Doch das Vermitteln von Zivilcourage, Toleranz gegenüber ausländischen Mitbürgern oder die Arbeit mit Jugendlichen aus sozial schwachen Verhältnissen könne er sich hierzulande vorstellen, sagt Diederichs. Demonstrationen gegen Fluglärm oder für die Erhaltung des Offenbacher Klinikums im Superheldenkostüm seien denkbar und würde dem jeweiligen Anliegen besondere Aufmerksamkeit bringen.

Ob er sich vorstellen könne, der erste deutsche Real Life Superhero zu werden? „Ich spiele mit dem Gedanken“, sagt Diederichs. Viel mehr sei nicht verraten: Die Identität von Superhelden ist schließlich geheim...

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