Gepflegtes Multikulti

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Offenbachs Altenpflegeschülerinnen sind in aller Welt verwurzelt - das erleichtert ihnen den Zugang zu unterschiedlichen Pflegekulturen: Während Japaner Wert auf Distanz legen, schätzen es betagte Kameruner, wenn ein Helfer unter ihrem Bett schläft. Das streben die angehenden Altenpflegerinnen indes nicht an.

Offenbach - Wie eine kleine Weltreise mutete der Tag der offenen Tür in der Altenpflegeschule im Hessenring an. Das preisgekrönte Projekt „Interkulturelle Brücken schlagen – Alter und Altenpflege in anderen Ländern und Kulturkreisen“ stand im Zentrum: Mit jedem Raum, den man an diesem Tag betrat, begab man sich in ein anderes Land - und zwar mit allen Sinnen. Von Veronika Szeherova

Die Reise führte vom Nachbarland Polen, ins Kosovo und die Türkei bis zum exotischen Kamerun und fernen Malaysia.

Die Geschichte des Projekts begann bereits vor sieben Jahren. Die Klassen der Altenpflegeschule sind ein bunter Mix vieler Nationalitäten und Kulturen. „Das gegenseitige Interesse der Schüler an ihren Heimatländern war sehr intensiv“,erzählt Schulleiterin Gitta Oesch. „Und wir stellten fest, welch großen Schatz wir mit dieser Vielfalt haben.“In kleinen Arbeitsgruppen von vier bis fünf Schülern näherte man sich den Ländern und Kulturen an, wobei der Aspekt „Alter und Altenpflege“ im Vordergrund stand.

Nicht nur die Altenpflegeschüler, sondern auch viele der Pflegebedürftigen sind multinationaler Herkunft. Deshalb ist es wichtig zu wissen, welches Verhalten unter Berücksichtigung der jeweiligen Religion und Kultur angebracht ist und was man unbedingt vermeiden sollte. Beispielsweise mit dem Thema „Berührung“ wird kulturell sehr verschieden umgegangen: „In Japan haben die Menschen gewisse Berührungsschwierigkeiten, während in Kamerun der Kontakt miteinander so nah und intim ist, dass die Pfleger manchmal unter dem Bett der Alten schlafen“,erklärt Gitta Oesch. „Moslemische Frauen empfinden es meist als unangenehm, von Männern gepflegt zu werden, auch das sollte man als Altenpfleger wissen.“

Für dieses Jahr hat die Altenpflegeschule noch einige Plätze frei. Gitte Oesch freut sich auf Bewerbungen. Vielleicht wird die Herkunftspalette ja noch bunter…

Die Robert-Bosch-Stiftung zeichnete das Projekt 2004 mit dem zweiten Platz ihres Förderpreises aus. Die Einnahmen daraus wurden zur Anschaffung neuer PCs eingesetzt. Seitdem ist das interkulturelle Pflegeprojekt und der damit verbundene Tag der offenen Tür nicht mehr aus dem Jahresplan der Altenpflegeschule wegzudenken. Der Migrationshintergrund, den viele als Makel empfinden, wird durch das Projekt plötzlich zum Segen. „Auf einmal sind diese Menschen die Experten, von denen wir noch viel lernen können“,so Oesch. „Das bringt eine wertvolle Dynamik mit sich.“ Die Wertschätzung sei elementarer Aspekt der Altenpflege, und dazu gehöre auch die der Kultur des anderen.

Auch die Familien vieler Schüler engagierten sich: Die Oma besorgte eine prachtvolle Tracht, die Cousine eine CD mit landestypischer Musik, die Mutter stellte sich an den Kochtopf. Jeder Raum war ein neues Erlebnis: optisch, akustisch und auch kulinarisch. Nasi Goreng und Frühlingsrollen aus Malaysia, Köfte aus der Türkei oder Kochbananen und Reis mit Rindfleisch in Erdnuss-Sauce aus Kamerun, das Angebot war köstlich und vielfältig.

Außerdem wurden Souvenirs aus den einzelnen Ländern verkauft und teilweise auch Reisebroschüren angeboten. Informativ waren die Plakate, die die Schüler zu den Ländern und Kulturen erstellt hatten.

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