Mit gepressten Spänen eine Firma aufgebaut

Offenbach - Ingo Reuter und Wolfgang Fey haben die Zeichen der Zeit früh erkannt. „Die Spezialchemie wird in Deutschland keine große Rolle mehr spielen“, sagt Reuter, der einst bei Clariant arbeitete, unserer Zeitung in Offenbach. Fey war früher bei Allessa angestellt. Kürzlich hatten ihre Ex-Kollegen den letzten Arbeitstag im Industriepark Invista.

Reuter und Fey hatten sich bereits 2006 entschieden, neue Wege zu gehen. Sie gründeten die Firma IWO Pellets - die Abkürzung steht für die Buchstaben ihrer Vornamen. Mit den gepressten Holzteilchen setzten sie auf eine in Deutschland zunehmend beliebte Alternative zum Öl und Gas fürs Heizen.

Eine große Halle im Industriepark wurde entkernt und umgebaut, erinnert sich Reuter. Im Sommer 2008 seien die ersten Tests gelaufen, seit Oktober werde für den Verkauf produziert. Allerdings habe es in der Aufbauphase einige Probleme und Hürden gegeben, erläutert Reuter. Eine Herausforderung seien Schwierigkeiten beim Bau des riesigen Trockners für die Sägespäne gewesen, aus der die Pellets hergestellt werden. Den Gründern drohte das Geld auszugehen. In dieser Situation griff ihnen die Energieversorgung Offenbach unter die Arme. „Ich habe gleich bei meinem zweiten Besuch gesagt, dass wir einsteigen wollen“, berichtet EVO-Prokurist Jochen Ritter. 24,9 Prozent der Anteile gehören seit 2007 dem Versorger, der die Mehrheit anstrebt. Ritter ist neben Reuter und Fey einer der Geschäftsführer der IWO Pellets, die ganze zwei Angestellte hat, „eine kuriose Situation“, findet der Prokurist. Chemiemeister Reuter hatte bei der Gründung der Firma auf die Vorteile der Infrastruktur im Industriepark gesetzt. In der Produktion anfallender Dampf wurde zum Trocknen genutzt, wie er erklärt. Der fehlt, seitdem die Produktion am Standort eingestellt wurde. Die EVO wolle eine Fernwärmeleitung von ihrem Areal am Hafen in den Industriepark legen, sagt Ritter. Auf diese Weise wird das Problem gelöst.

Der Einstieg bei dem Jungunternehmen sei für die EVO ein Schritt in die erneuerbaren Energien gewesen, erklärt er. „Wir lösen uns vom konventionellen Denken eines Energieversorgers.“ Für die EVO sei es vorteilhaft, selbst Energie zu erzeugen, fügt Sprecher Harald Hofmann hinzu. Die Pellets würden nicht nur verkauft, sondern auch in einigen der insgesamt 30 Nahwärmenetzen des Versorgers im erweiterten Rhein-Main-Gebiet eingesetzt.

Die Späne, die IWO Pellets verarbeite, komme von diversen Sägewerken aus der Region, erläutert Ritter. Sie wird getrocknet, gemahlen und gepresst. 12 000 Tonnen würden zurzeit im Jahr hergestellt, doppelt so viel solle es sein, wenn die Anlage voll ausgebaut sei, sagt der Geschäftsführer. 400 bis 500 private Kunden gebe es schon.

Die EVO hat große Pläne. Sie will eine Anlage zur Produktion von Industrie-Pellets im Invista-Park in Betrieb nehmen. Das Genehmigungsverfahren laufe, berichtet Ritte. Im Oktober 2010 solle das Werk die Produktion aufnehmen. 13 Millionen Euro will der Versorger investieren. 135 000 Tonnen Pellets sollen im Jahr hergestellt werden. 15 Arbeitsplätze werden geschaffen.

Als Rohstoff soll nicht nur die Späne genutzt werden. Die EVO hat mit ihrer Muttergesellschaft MVV die Biokraft Naturbrennstoff GmbH gegründet, wie Ritter berichtet. Über sie werde in Offenbach, Hainburg und Großkrotzenburg Material beispielsweise in Gärtnereien gesammelt und weiterverwertet. Zudem seien im Kreis Gießen in einem Energiewald 10 000 Weiden und Pappeln angepflanzt worden. Auch sie sollen zu Pellets verarbeitet werden. Das Konzept sei aber zunächst ein Test, betont Ritter.

Ziel der EVO sei es, die Wertschöpfungskette deutlich zu verlängern, erklärt er weiter. Ritter betont: „Wir wollen Rohstoff anbauen, veredeln, verbrennen und Energie liefern.“

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