Geräuschlos in die Zukunft

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Stecker rein und los geht‘s: Bis 2020 sollen eine Million Autos auf deutschen Straßen mit Strom fahren. Das ist das ehrgeizige Ziel der „Nationalen Plattform Elektromobilität“, die die Bundeskanzlerin Angela Merkel diese Woche gestartet hat.

Offenbach ‐ Der Oberbürgermeister mottet seinen Dienst-Mercedes ein und steigt ebenso wie die Rathaus-Mitarbeiter aufs Elektrofahrrad um, in der City stehen strombetriebene Kleinwagen zur Ausleihe, mit Batterien bestückte Linienbusse transportieren geräuschlos und abgasfrei Fahrgäste durch die Stadt, und das Hybrid-Müllauto reißt morgens zwangsläufig niemanden mehr aus dem Schlaf. Von Matthias Dahmer

Es ist eine schöne, neue, elektromobile Welt, die da gestern Vormittag bei der Stadtwerke Offenbach Holding (SOH) aufgefahren wird. In der Stadt, die so selten glänzen kann, ist seit Sommer des vergangenen Jahres die „Leitstelle der Modellregion Elektromobilität Rhein-Main“ angesiedelt. Aus 130 Bewerbern hat der Bund acht Regionen ausgewählt. 115 Millionen Euro stehen bis 2011 deutschlandweit dafür bereit, die Chancen von Elektrofahrzeugen auszuloten.

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Einen „zweistelligen Millionenbetrag“ davon samt einem Landeszuschuss von 75 000 Euro darf die Offenbacher Leitstelle ausgeben, die bis hoch nach Kassel zuständig ist. Wie viel es am Ende genau ist, kann Volker Lampmann, Geschäftsführer der Offenbacher Verkehrsbetriebe und seit 1. April Leitstellen-Leiter, noch nicht sagen. 18 Projekte, von denen 16 in Berlin bereits genehmigt wurden, muss der Ober-Stromer künftig koordinieren.

14 Elektrofahrräder sind seit gestern im Einsatz

Hybrid-Busse, die durch Darmstadt rollen gehören ebenso dazu wie Elektro-Lkw, die der Frankfurter Paketzusteller UPS ausprobiert oder Elektroautos samt Tankstellen, die in den Städten Offenbach und Kassel getestet werden. 14 Elektrofahrräder, so genannte Pedelecs (von: Pedal Electric Cycle) sind seit gestern bei der Stadtverwaltung in Offenbach im Einsatz, in der gesamten Region werden es künftig 280 sein, sagt Janine Mielzarek, die bei der SOH für die Betreuung der Vorhaben zuständig ist.

Ein Offenbacher Prestige-Projekt, welches hauptsächlich dafür verantwortlich ist, dass die Landesregierung hier den Sitz der Leitstelle platziert hat, ist ein Elektrobus, der auf der Linie 103 zwischen Frankfurt, Offenbach und Mühlheim fährt. In etwa einem Jahr soll es soweit sein, kündigt Volker Lampmann an. Weil das Fahrzeug um die 500 000 Euro kostet, soll es nur gemietet werden. Das, was im Kaufpreis steckt, belegt exemplarisch, woran es bei der flächendeckenden Umsetzung der Elektromobilität noch hakt: Allein 250 000 Euro, soviel wie ein herkömmlicher Bus, kosten die Batterien für das E-Fahrzeug.

Als eine „Plattform für Experimente“ bezeichnet Offenbachs grüne Bürgermeisterin Birgit Simon die Leitstelle. Tatsächlich muss kein Tankwart in der Region die Arbeitslosigkeit fürchten, wird Otto Normalverbraucher zunächst wenig von der benzinfreien Technologie haben. Vieles, was man dank Förderprogramm nun testen kann, da sind sich die Elektromobil-Macher sicher, wird vermutlich in völlig veränderter Form oder auch niemals zur Marktreife gelangen. Als Beispiel nennen sie etwa die unterschiedlichen Batteriekonzepte bei den Elektroautos. Einiges soll jedoch schon bald fester Bestandteil unseres Verkehrsalltags werden. Wie die Pedelecs zum Beispiel. Birgit Simon stellt dafür Ladestationen am Offenbacher Wilhelmsplatz oder im Neubaugebiet „An den Eichen“ in Aussicht.

Riesiges Marketing-Thema

Die Verheißungen einer abgasfreie Zukunft vernebeln den Verantwortlichen nicht den Blick auf die Realitäten. Weniger Schadstoffe und weniger Lärm, sagt Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD), würden natürlich die Attraktivität der Innenstädte und die Lebensqualität erhöhen. Und Offenbach habe mit den Europazentralen von Honda und Hyundai sowie dem VDE-Prüfinstitut Ansiedlungen, welche künftig eine Schlüsselrolle bei der Elektromobilität spielen könnten.

Doch im Moment sei das Ganze natürlich auch ein riesiges Marketing-Thema. Es habe aber nur Sinn, wenn der Strom aus erneuerbaren Energien komme, weshalb die SOH mit gesunden Realismus an die Sache herangehe. Bürgermeisterin Simon bescheinigt der Bundesregierung, im Gegensatz zu anderen Ländern zu spät auf den Elektro-Zug aufgesprungen zu sein. Deshalb seien auch weiter spritsparende Verbrennungsmotoren eine Option.

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