Keine Ahnung, aber zu allem eine Meinung

Gerd Dudenhöffer mit neuem Programm im Offenbacher Capitol

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Der Kabarettist Gerd Dudenhöffer während eines Auftritts.

Offenbach - Wo hört die Kunstfigur Heinz Becker auf, wo fängt Gerd Dudenhöffer an? So genau weiß man das nicht, die Grenzen sind fließend. Heinz Becker jedenfalls ätzt und palavert Saarpfälzisch drauflos, hat auch ohne Ahnung zu allem eine Meinung. Von Harald H. Richter

Der Mann im ausgewaschenen Karohemd und mit der Batschkapp auf dem ergrauten Haar glaubt sich auszukennen. Aus voller Spießerseele seziert er Episoden des kleinbürgerlichen Alltags und zieht abstruse Vergleiche zum Weltgeschehen. Becker ist wie sein geistiger Vater Gerd Dudenhöffer Jahrgang 1949 und darum mit der „Geburt der späten Gnade“ gesegnet. Der Kabarettist und Schriftsteller nennt sein aktuelles Programm „Vita. Chronik eines Stillstandes“. Mit überspitzt engstirniger Privatphilosophie bringt der gebürtige Bexbacher auch die 600 Zuhörer im Offenbacher Capitol zum Lachen und stürzt sie im nächsten Moment unvermittelt in peinliche Beklemmung. „Die Realität ist in der Wirklichkeit oft eine Illusion“, macht er uns glauben. „Beim Hitler-Attentat hatten wir Glück, ansonsten haben wir von nichts gewusst.“ Dem Dritten Reich sei es wie der Mondlandung ergangen. Auch da seien viele sich nachher nicht sicher gewesen, ob das alles wirklich stattgefunden hat. „Früher war alles besser“, monologisiert der Kleingeist weiter. Bei Sätzen wie „Das ist mir schleierhaft“ oder „Das sprengt den Rahmen“ habe sich keiner etwas gedacht.

Und heute? Überall Bombenterror und Tote. Ihm sei ein scheinheiliger Friede aber lieber als ein heiliger Krieg, doziert Biedermann Becker. Für sich persönlich hat er den Schluss gezogen, dass Angst und Schrecken noch früh genug ins Leben treten: „1968 habe ich die Hilde kennengelernt.“ Dem Pingpong-Prinzip gleich handelt er auf gewohnt makabre Art sämtliche Themen ab, mit denen die deutsche Gesellschaft beschäftigt ist. Für die Pegida hat Heinz Becker trotzdem nichts übrig. „Man soll Ausländerfeindlichkeit die Stirn bieten, aber es muss nicht meine sein.“ Dafür erinnert ihn die AfD an Unterhosen: „Wenn man die nicht von Anfang an gründlich säubert, kriegt man das Braune nicht mehr weg.“ Das Publikum erlebt 90 Minuten lang dichtes Ein-Mann-Theater, Spannung und Spaß durch das Spiel mit dem Widerspruch in sich. Am Schluss legt Kleinbürger Becker seine Kappe ab und wird zu Gerd Dudenhöffer. Aus eigenen Texten lesend, begibt er sich ins romantische Reich der Prosa und liefert mit seinem Gedicht über Unterhemden schöne Worte für die Partnerschaft: „Es dient nicht mal zur Zier, und so geht‘s mir mit dir.“

Bilder: Offenbacher Sportgala im Capitol

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