Verkehrsverbund sucht Test-Kunden

Gerechtere RMV-Preise im Test

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Schnell ist sie ja meistens, aber ist ihre Tarifstruktur auch gerecht? Der RMV startet testweise ein neues, mehr an Entfernungen und Nachbarschaftsbeziehungen orientiertes Tarifsystem.

Offenbach - Um die Fahrpreise gerechter zu machen, testet der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) jetzt ein neues Tarifsystem und sucht dafür Testkunden. Künftig sollen Fahrten mit Bussen und Bahnen nach Entfernung und nicht mehr wie bisher nach Tarifgebieten berechnet werden. Von Peter Schulte-Holtey 

Seit Jahren wird an den RMV-Tarifen immer wieder kritisiert, dass sie die tatsächlichen Beziehungen zwischen den Städten und Gemeinden und ihrem Umland nicht widerspiegeln. Denn die Tarifzonen orientieren sich in der Regel an den Gemarkungsgrenzen. Entfernungen oder Nachbarschaftsbeziehungen spielen dabei keine Rolle. Daran liegt es, dass zum Beispiel eine Fahrt vom Frankfurter Ostend nach Offenbach mit der S-Bahn durch zwei Tarifzonen führt und teurer ist als ungleich längere Wege in die City. Nach einer langen Vorbereitungszeit beginnt der RMV jetzt mit den Arbeiten an der „Tarif-Baustelle“. Gesucht werden 20.000 Testnutzer des sogenannten Smart-Tarifs.

Das kommt auf die Testfahrer zu: Der Fahrpreis wird nach den zurückgelegten Kilometern und dem Verkehrsmittel berechnet. Der „Smart-Tarif“ setzt sich aus Bausteinen zusammen: Es gibt einen Grundpreis von 1,69 Euro pro Fahrt. Für Regionalzüge, S- und U-Bahnen zahlen Fahrgäste pro Kilometer einen Aufpreis, der noch einmal zwischen Fahrten im Großraum Frankfurt (20 Cent) und dem übrigen RMV-Gebiet (10 Cent) unterscheidet. Bei Fahrten mit Bus und Straßenbahn kommt zum Grundpreis ein Pauschalpreis, der sich nach der Größe des Orts und Überlandfahrten unterscheidet. Auf einigen Strecken wird es günstiger, zum Beispiel bei einer Fahrt durch mehrere Tarifzonen wie im Fall Frankfurt - Offenbach. Außerdem sinken die Ticketpreise für viele Überland-Busfahrten. Manche Fahrkarten werden allerdings teurer, zum Beispiel bei längeren Strecken innerhalb Frankfurts.

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Was beachtet werden sollte: Der neue Tarif richtet sich an Gelegenheitsfahrer, die Einzelfahrscheine für Erwachsene nutzen. Es gibt zunächst keine Zeitkarten und keine Kinderfahrscheine. Das Ticket kann man 20 Minuten vor Fahrtbeginn für eine Strecke kaufen, die man zu dem Zeitpunkt festlegen muss. Die Fahrscheine können Reisende nur mit dem Smartphone über die RMV-Smart-App kaufen. Dort muss man einen Account an- und die Zahlungsart festlegen. Zahlen kann man mit Kreditkarte oder per Lastschrift. Der Ticketkauf funktioniert mit den Betriebssystemen Android und iOS.

Vor der Fahrkartenkontrolle müssen sich die Testkunden offenbar nicht fürchten. Auf dem Smartphone-Ticket ist der Name des Nutzers angegeben. Bei einer Kontrolle muss man seinen Personalausweis vorzeigen. In Zukunft soll die Kontrolle auch über einen Barcode möglich sein. „Damit das auch im Tunnel ohne Handyempfang funktioniert, wird das Ticket automatisch auf dem Smartphone gespeichert“, bestätigte ein RMV-Sprecher unserer Zeitung. Bis 2019 will der RMV mit dem neuen Tarifsystem Erfahrungen sammeln. Erst danach wollen die Gesellschafter entscheiden, ob der Tarif für alle verfügbar sein soll. Der normale RMV-Tarif bleibt bis dahin bestehen.

Beispiele aus dem neuen RMV-Preissystem

Preisbeispiele: Frankfurt Hauptwache nach Offenbach-Marktplatz: statt bisher 4,65 Euro künftig im Smart-Tarif 3,33 Euro. Rodgau-Nieder-Roden-Bahnhof nach Frankfurt-Hauptbahnhof: statt bisher 4,65 Euro - im Smart-Tarif 6,27 Euro. Frankfurt-Hauptbahnhof nach Darmstadt-Hauptbahnhof: statt bisher 8,25 Euro - im Smart-Tarif 6,49 Euro. Die S-Bahnfahrt von Offenbach-Kaiserlei nach Frankfurt-Mühlberg (eine Station) kostet derzeit 2,80 Euro, die Fahrt von Offenbach-Ledermuseum zur Station Mühlberg (eine Station mehr, aber ebenfalls von Offenbach Frankfurt) kostet 4,65 Euro. Testnutzer zahlen im Smart-Tarif im ersten Fall 2,24 Euro, im zweiten 2,45 Euro.

Der Fahrgastverband „Pro Bahn“ äußerte sich bereits bei Projektstart skeptisch. „Das sind drei Jahre verlorene Zeit“, so ein Sprecher. Er bezweifle, dass dieses System wirklich auf das gesamte Ticketsortiment übertragbar ist. Rückschlüsse auf die Einnahmen seien schwierig. Zurückhaltender fiel die Reaktion des ökologischen Verkehrsclubs VCD aus. Er sieht den Pilotversuch als Schritt in die richtige Richtung. Klärung erwartet der VCD darüber, was der neue Tarif für die Inhaber von Monatskarten bedeutet: „Die Inhaber von Zeitkarten sind das finanzielle Rückgrat des RMV. Es muss sichergestellt werden, dass sie durch die Reform nicht unter die Räder kommen.“

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