Eine immergrüne Idee

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Der heutige August-Bebel-Ring, um 1938.

Offenbach - Mit wenig Geld viel bewirken - und das gegen Widerstände. Wer darin Züge der aktuellen Lokalpolitik erkennen mag, liegt zumindest nicht verkehrt. Eine Analogie ist in der jüngeren Stadtgeschichte zu finden. Von Martin Kuhn 

Leonhard Eißnert, in Offenbach als Vater der Anlagen hoch geschätzt, kämpfte seinerzeit mit ähnlichen Widrigkeiten wie seine aktuellen Nachfolger. Beim Landesamt für Denkmalpflege heißt es zu den damaligen Bemühungen Eißnerts, 1906 zum ersten ehrenamtlichen SPD-Beigeordneten in einer Großstadt gewählt: „Trotzdem ging der Ausbau aufgrund geringer finanzieller Mittel nur schleppend voran.“ Ein umspannender Grünring. Würde sich das gut hundert Jahre später mit aktueller Stadtplanung vertragen? „Es wäre zumindest eine gute Idee“, sagt Sigrid Pietzsch, in der lokalen Bauverwaltung unter anderem mit der Grünplanung befasst. Für sie steht fest, dass zu jener Zeit die Grünflächen für die Nachfahren gesichert wurden – als eine Art grüne Lunge.

Eins darf aber nicht vergessen werden: Der Anlagenring vom August-Bebel-Ring über Dreieichpark, Starkenburgring bis Landgrafenring umschloss Ende des 19. Jahrhunderts großzügig die Stadt. Die Bebauung reichte kaum bis zu dieser geplanten Flaniermeile. Eine erste Initiative zur Anlage eines baumbestandenen Spazierwegs um die Stadt herum wurde 1842 gegründet. Da das Projekt auf private Spenden angewiesen war, kam es langsam voran. Als die Stadt wuchs, entstanden Pläne für einen großzügigen Alleenring.

„Zunächst wurde nur der August-Bebel-Ring verwirklicht. Arbeitslos gewordene Portefeuiller fanden beim Ausbau Arbeit“, berichtet das Landesamt. Die Bebauung entlang der Parkstraße und des Dreieichrings begann nach 1900. „Zeitgleich wurde das Projekt des Anlagenringes fortgeführt und 1902 der Isenburgring gestaltet. Der wachsende Verkehr machte eine Änderung des ursprünglichen Planes mit der Einbeziehung einer begleitenden Ringstraße notwendig. 1902 bis 1914 wurden südöstlich fortschreitend Starkenburg- und Friedrichsring mit aufwändigen gärtnerischen Anlagen fertig gestellt. Entlang der Anlagen entstanden begehrte Wohngebiete in zumeist drei- bis viergeschossiger Blockrandbebauung mit modernen, häufig dem späten Jugendstil angelehnten Formen.“

Ausbau des Anlagenrings seit 1906 in Eißnerts Händen

Der Ausbau des Anlagenrings lag seit 1906 in Eißnerts Händen, unterstützt durch den oft unerwähnten Stadtgärtner Ferdinand Tutenberg, 1905 zum Leiter der neu geschaffenen Stadtgärtnerei gewählt. 1913 ging er nach Altona, um die Deutsche Gartenbauausstellung zu organisieren. Gleichzeitig begann er mit der Planung für den Altonaer Volkspark, heute die größte öffentliche Grünanlage Hamburgs. Der endgültige Ausbau des Landgrafenrings folgte erst Mitte der 1930er Jahre. Der ursprüngliche Plan sah vor, die Anlagen beidseits bis zum Main zu führen. „Dies konnte insbesondere wegen der bestehenden Industriebetriebe nicht verwirklicht werden.“ Aufgegriffen wurde die Idee im Projekt „Grünring vom Main zum Main“, an dessen Umsetzung und Festigung seit 1998 gearbeitet wird.

Umspannendes Grün. Der Anlagenring (rot) zog sich seinerzeit um die Innenstadt. Aufgegriffen wurde die Idee später im sogenannten Grünring vom Main zum Main (dunkelgrün).

Das waren jedoch nicht die Anfänge. Es ist ein Projekt, „das über Jahrzehnte aktuell ist“, ist aus dem Rathaus zu vernehmen. Und es wohl bleiben wird. Milliarden-Defizit und die jüngsten Entwicklungen mit dem ungenehmigten Haushalt beschleunigen keineswegs solche Projekte. Obwohl eigentlich derzeit bauliche Veränderungen anstehen, um diese grüne Spange zu erweitern. Der geplante Rückbau des Kaiserleikreisels in zwei Kreuzungen und die Bautätigkeit im Hafen machen es nötig, über den Goethering – unfertiger, unschöner Teil vom August-Bebel-Ring zum Main – nachzudenken. „Eine passende Gestaltung wäre wünschenswert“, sagt Sigrid Pietzsch mit den Augen der Stadtplanerin. Bleibt die spannende Frage, ob die lokale Politik und übergeordnete Aufsichtsbehörde die Frage einer durchgängigen Gestaltung ähnlich hoch einstufen. Denn der Ausbau zur (weitergeführten) Allee im Stil des Bebelrings ist „funktional derzeit nicht erforderlich“.

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