Offenbach

Geschichte vor der Haustür

Offenbach - Der Künstler Gunter Demnig hat in Offenbach Stolpersteine gesetzt, die an 22 Menschen erinnern sollen, die vom Nazi-Regime verfolgt wurden. Insgesamt liegen inzwischen 68 Steine an 27 Stellen in der Stadt. 

(vs) „Kennen Sie ein Mahnmal, das jeden Tag wächst, auf das man immer wieder unversehens trifft und das gleichzeitig so persönlich und nah am Menschen ist?“ Peter K. Hammerich von der Geschichtswerkstatt Offenbach ist auch bei der fünften Stolpersteinverlegung immer noch von der Idee dieses besonderen Denkmals bewegt. Bewegend war auch die Gedenkveranstaltung, die im Haus der Stadtgeschichte in Erinnerung an vom Nazi-Regime verfolgte Offenbacher stattfand.

Am Samstag drauf kam der Künstler Gunter Demnig nach Offenbach, um für 22 weitere Menschen Stolpersteine vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort zu setzen. In Offenbach liegen inzwischen 68 Steine an 27 Stellen.

An der Offenbacher Straße 7 lebte von 1918 bis 1942 das jüdische Ehepaar Salomon und Lilli Reiss mit den vier Töchtern Selma Marta, Hertha, Irene und Gertrude. Sie betrieben dort eine Metzgerei, bis sie nach Auschwitz deportiert wurden. Sie gelten als „verschollen“. Pate für diese sechs Stolpersteine ist der Verein Pro Bürgel. Vorsitzender Michael Maier erinnerte in seiner Ansprache an die Familie und daran, dass in Bürgel seit dem 17. Jahrhundert bis zu dem „tiefen Einschnitt“ in der NS-Zeit eine gut funktionierende jüdische Gemeinde existierte.

Eine Zeitzeugin half Maier bei der Recherche über Familie Reiss. Auch an eine zweite jüdische Familie aus Bürgel, die Steigerwalds, erinnert sie sich noch gut. Für Jenny, Minna, Max und Julius Steigerwald wurden ebenfalls Stolpersteine verlegt, und zwar vor ihrem früheren Haus in der Sternstraße 12. Dort handelten sie mit Handtüchern, Textilien und Kurzwaren, bis sie 1942 als „unbekannt verreist“ gemeldet wurden, laut KZ-Akten im Jahr 1944 in Auschwitz ermordet. Die Patenschaft übernahm Hans Schinke. Dem Bürgeler ist daran gelegen, gerade an Menschen aus seinem Stadtteil zu erinnern.

In der Luisenstraße 6 liegen Stolpersteine für zwei alleinstehende Frauen. Das ist zum einen Paula Marx, die sich Patin Gertrud Marx wegen des gleichen Nachnamens ausgesucht hat. Zum anderen ist es die Kinderärztin Dr. Rosa (genannt Rosel) Goldschmidt. Sie wurde 1942 erst nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz deportiert, 1949 für tot erklärt. Die Neu-Offenbacherin Nadine Stockmann wohnt in der Nähe und übernahm die Patenschaft: „Es war eine gute Erfahrung, sich so persönlich mit der Geschichte auseinanderzusetzen“ meint sie. Extrem persönlich wurde es auch für die Paten von Pfarrer Karl Amborn. Seine Enkelin Angelika Amborn-Morgenstern widmete dem Widerstandskämpfer vor der Schlosskirchengemeinde an der Kirchgasse 15 einen Stolperstein.

In der Domstraße 70, direkt vor der Agentur für Arbeit, wurden drei Steine verlegt in Gedenken an Siegfried, Hilde und Leo Reinhardt. Siegfried Reinhardts Tochter Henriette Pletzner ist Patin für den Stolperstein ihres Vaters. Stellvertretend hielt ihr Sohn Hugo Reinhardt die Rede bei der Gedenkveranstaltung, da „das alles meiner Mutter noch zu nahe geht“. Für den Stolperstein für Siegfrieds Ehefrau Hilde übernimmt Johannes Günther die Patenschaft, für den erst zehnjährigen Sohn Leo die Anne-Frank-Schule. Darüber freut sich Barbara Leissing von der Geschichtswerkstatt: „Ich hielt es für passend, wenn die Patenschaft für den Stolperstein eines Kindes von einer Institution mit Kindern übernommen würde. Die Anne-Frank-Schule setzt sich viel mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinander, ich bekam sofort die Zusage.“

Auch zwei Widerstandskämpfer der ersten Stunde, Theobald Sturm (Ludwigstraße 42) und Adam Pfeifer (Bieber, Philipp-Reiss-Straße 23) bekamen Stolpersteine.

Den Abschluss machte Demnig an der Bernardstraße 57. Vier Steine verlegte er dort für das jüdische Ehepaar Baum. Die Patenschaft übernahm die Familie Moog. „Wie wir waren die Baums eine Familie, die mit drei Generationen zusammenlebte“, so Jonathan Moog. Der 18-Jährige hatte sich die Patenschaft als Geschenk zum Geburtstag. gewünscht. Damit zeigt sich: Die Stolpersteine sind ein besonderes Mahnmal, das jeder mitgestalten kann und das doppelt persönlich ist. Für diejenigen, an die gedacht wird, und für diejenigen, die die Patenschaft übernehmen. So verweben sich Schicksale und Geschichte wird lebendig vor der Haustür.

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